Halle au Blé – Bourse de Commerce – Pinault Collection: Verwandlung und Kontinuität (Teil 1) von Ulrich Schläger

Halle aux blés von Victor-Jean Nicolle; Musée national du Château de Malmaison

Es gibt in Paris eine Fülle von außergewöhnlichen, wunderbaren Bauwerken. Zu ihnen gehört ganz gewiss auch die Bourse de Commerce im Quartier des Halles: Der Bau ist architektonisch einzigartig und er war dazu wegweisend: Vorbild der Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit dem sich auf römische Vorbilder beziehenden Rundbau, und, mit seiner monumentalen Kuppel, Pionier der Eisenarchitektur des 19. Jahrhunderts. Dazu hat das Bauwerk mehrere Leben gehabt: Es war zunächst Halle für die Lagerung von Getreide, dann eine Handelsbörse und seit 2021 ist es Ausstellungsort der Collection Pinault, einer der weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst.

Ulrich Schläger zeichnet in seinem Beitrag mit großer Sachkenntnis die Geschichte des Baus nach: Er zeigt, welche Veränderungen die unterschiedlichen Verwendungen des Baus mit sich brachten, wie Architekten, Ingenieure und Künstler dazu beigetragen haben, dieses einzigartige Bauwerk zu schaffen, das bei allen Verwandlungen im Laufe seiner 250-jährigen Geschichte sich doch immer treu geblieben ist. Die Lektüre dieser außerordentlich fundierten Darstellung ist für architekturgeschichtlich interessierte Leserinnen und Leser ein großer Gewinn. Aber auch aus sozialgeschichtlichen Gründen ist die Darstellung höchst aufschlussreich, bettet Ulrich Schläger doch den Bau in seinen historischen Kontext ein. Nach der Lektüre des Beitrags wird man die Bourse de Commerce mit offeneren Augen sehen und mit einem vertieften Verständnis dafür, was diesem Bau seine Einzigartigkeit und Schönheit verleiht und wie er zu dem geworden ist, was er heute ist: ein altehrwürdiger und doch auch höchst moderner Kunsttempel mitten in Paris.

Der Beitrag umfasst zwei Teile: Im ersten (Kapitel I – 5) wird die Entwicklung bis zum Bau der großen Kuppel nachgezeichnet, die bis heute den grandiosen Innenraum überspannt; im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) geht es um die Umwandlung zur Getreidebörse und den Einzug der Moderne durch den japanischen Architekten Tadao Ando. Er greift das prägende Kreismotiv des Baus mit einem Beton-Zylinder auf, interpretiert es modern und schafft mit der reizvollen Verbindung und Kontrastierung von Altem und Neuem einen wunderbaren Ort für die Präsentation moderner Kunst. (Lesezeit 42 Minuten)

Wolf Jöckel

Von einem Bauwerk wird die Rede sein, das schon zu Beginn mehr verkörperte als der Zweck, für den es eigentlich errichtet wurde. Mit seinen geometrischen Grundformen, dem Kreis und der [Halb-]kugel, Abbild von Ordnung und Vollkommenheit, wurde es zum Modell für die Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mit seiner Bauweise gewährleistete es Schutz und ideale Kontrolle zugleich. Seine Fassade erinnerte an die Arkaden eines antiken Zirkus und Theaters, und seine Kuppel rief die Vorstellung an das Pantheon zu Rom wach und verband sich so auch mit dem wiederkehrenden Anspruch von Paris als „neues Rom“. Seine Kuppeln, zunächst die hölzerne, dann seine eiserne, waren richtungsgebende technische Meisterwerke. Im radikalen Umbau am Ende des 19. Jahrhunderts und der Art, wie er erfolgte, spiegelte sich die wirtschaftliche Macht von Kapital, Handel und Industrie. Und der letzte Eingriff in den Bau nahm die geometrische Grundidee nochmals auf und setzte sie mit dem Baustoff der Moderne um.

Ich werde die Entwicklung dieses außergewöhnlichen Bauwerks in seiner ca. 250-jährigen Geschichte nachzeichnen. Auf diesem Weg, auf dem der Bau mehrere Umwandlungen erfuhr,  lassen sich drei Abschnitte abgrenzen, in denen sich der Hauptnutzen des Gebäudes änderte. Aus der Getreidehalle (erbaut 1763-1767) wurde eine Handelsbörse (seit 1889) und aus dieser ein Ort für die Kunst der Moderne (seit 2021). Ich werde die baulichen Charakteristika der drei Nutzungsphasen beschreiben.

Doch bevor ich mich der Architektur des Gebäudes zuwende, soll in der hier leider gebotenen Kürze dargelegt werden, warum dieser Bau überhaupt entstand.

Kapitel I – Vorgeschichte: Die verzweifelte Nation

If Nature had been comfortable, mankind would never have invented architecture. Oscar Wilde: The Decay Of Lying – A DIALOGUE.

Hungersnöte hatte Frankreich schon in den vorausgegangenen Jahrhunderten erlebt. Aber der grausame Winter von 1709, le grand hiver mit der nachfolgenden Hungersnot, die grande famine, die der bereits seit neun Jahren tobende Spanische Erbfolgekrieg noch verschlimmerte, „endete“, wie Voltaire in Le Siècle de Louis XIV schreibt, „mit der Verzweiflung der Nation“. In ganz Frankreich kursierten Berichte von Menschen, die wie Tiere Gras fraßen, über Erfrorene, über den völligen Stillstand von Handel, Industrie und öffentlichem Leben. Das Vieh in den Ställen, die wilden Tiere in den Wäldern und die Fische in den Flüssen und Seen starben. Obst-, Olivenbäume und Weinstöcke gingen zugrunde.

Henri François d’Aguesseau (1668-1751) rettet Frankreich während der Hungersnot 1709. Gravur von 1792

Gravierend waren die Verluste bei der Getreideernte. Der Mangel an Kornspeichern mit Vorräten verschärfte die Lage. Die Getreidepreise schossen in die Höhe. Zu langsam erkannte die Regierung das Ausmaß der Krise. Erst spät wurde Getreide importiert, von Zöllen und Wegegeldern befreit, vorhandene Vorräte erfasst und freigegeben, um Spekulationen zu verhindern, Märkte überwacht und der Verkauf von Brot streng nach Person und Zeit beschränkt. Die Gemeinden wurden gezwungen, Lebensmittelverteilungen an Bedürftige zu organisieren.

Distribution du pain du roy au Louvre, estampe, Paris, 1693. Gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

Gleichwohl kam es in Paris und ganz Frankreich zu Hunger- bzw. Teuerungsrevolten, den émeutes de grain. Banden überfielen Schlösser und Klöster, die im Verdacht standen, über Getreidereserven zu verfügen. In Paris und anderswo wurden Bäckereien gestürmt, auf Plünderer wurde geschossen. 

Bei der Hungersnot von 1709 starben etwa 600.000 Menschen. Insgesamt hatte Frankreich ein Jahr später ca. 850000 Einwohner weniger. Gründe dafür waren neben Unterernährung und Krankheiten auch ein Rückgang der Eheschließungen und der Geburten. Durch die massiven Verluste in der Agrarproduktion, verschärft durch Kriegsaufwendungen, geriet Frankreich als Agrarstaat, dessen Bruttosozialprodukt maßgeblich von der Landwirtschaft abhing, darüber hinaus in eine Finanzkrise.

Biopolitik als Antwort auf die Versorgungskrise

„Der Lebensunterhalt des Volkes ist der wichtigste Gegenstand, mit dem sich die Verwaltung beschäftigen muss“. Jacques Necker, Finanzminister unter Ludwig XVI. am 14. Februar 1778 an Antoine de Sartine, Lieutenant général de police.

Angesichts des katastrophalen Ausmaßes der grande famine für die Bevölkerung und die Stabilität des Staates, waren Vorkehrungen für eine stabile Lebensmitteversorgung zu treffen, allem voran für Brot, das Hauptnahrungsmittel des Volkes.  Brot sollte zu stets erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen, denn Brot war weit mehr als nur ein einfaches Nahrungsmittel. Es bildete den Kern des sozialen Pakts zwischen König und Volk unter dem ancien régime. Der König war wie ein Vater, der den Lebensunterhalt seiner Kinder sichern soll.

Die Versorgung mit Getreide hing nicht allein von meteorologischen Zufällen ab. Der Weg von den Feldern auf den Tisch der Verbraucher, d.h. der Vertrieb, war noch heikler und komplexer. Er hing ab von Transportwegen und -mitteln, der Organisation des Getreide- und Mehlhandels, dem Wettbewerb zwischen Stadt und Land um das Getreide, der Getreidekonservierung, den Mühlen und Bäckereien und nicht zuletzt von der Situation auf den Märkten selbst. Eine paternalistischen Marktgesetzgebung, gesteuert und überwacht durch die Polizei, die oft ein Teil der Probleme wurde, sollte diese Versorgung gewährleisten.

Die „Polizei“ war im ancien régime für ein außerordentlich breites Spektrum öffentlicher Aufgaben zuständig, das von der Überwachung der Prostituierten, der Gefängnisse, der Kontrolle der Zünfte, der Straßenreinigung und -beleuchtung bis hin zur Durchsetzung von Vorschriften bezüglich der Produktion und des Verkaufs von Waren und Dienstleistungen reichte. Sie kümmerte sich um alle Aspekte des täglichen Lebens, nicht nur um Straftaten. In dieser Universalität ihrer Aufgaben erfüllte die Polizei eine bedeutende Funktion in der Biopolitik. Deren Ziel war die Gewährleistung der physischen und psychischen Gesundheit und damit die Gesamtproduktivität der Bevölkerung und nicht zuletzt die Stabilität des ancien régime. Doch diese administrativen Maßnahmen allein reichten nicht.

Aufgrund der gravierenden Mängel der Getreide-Märkte in Paris, die alle unter freiem Himmel abgehalten wurden, kam der Architektur und der Stadtplanung eine wichtige biopolitische Rolle zu. Auf die disziplinären Fähigkeiten der Architektur bei der Versorgungssicherheit wird noch zurückzukommen sein.

Getreide und Mehl, die zum Verkauf nach Paris geschickt wurden, waren nicht auf einen einzigen Markt konzentriert. Die im Quartier Les Halles, nahe der St.-Eustache-Kirche gelegene Halle au bled (s. Turgot-Plan),  empfing das meiste auf dem Landweg nach Paris gelangte Getreide und den Großteil des Mehls.

Die Häfen vermarkteten fast das gesamte über den Fluss ankommende Getreide. Der Port au bled am Port et Quay de la Grève unweit des Hôtel de Ville war der wichtigste und größte der Häfen.

Les Halles und Halle au bled – Ausschnitt aus Turgot-Plan 1739

Hafen an der Place de Greve  Bild-Ausschnitt : Port et Quay de la Grève (Nr.2), 3 Port au bled (Nr.3)

Die Dringlichkeit der Neugestaltung der Getreidemärkte in Paris hat Steven Laurence Kaplan in seinen Arbeiten zur französischen und besonders Pariser Getreideversorgung im 18. Jahrhundert eindrucksvoll dargestellt. Er schildert die katastrophalen, unfallträchtigen, engen, verwinkelten Zufahrtsstraßen zu den Märkten und die chaotische Situation auf den Märkten selbst:

„Händler stritten sich weiterhin um Platz zum Entladen, Makler weigerten sich aus Platzmangel, versandte Waren anzunehmen, Kontrolleure der Maße und Träger konnten ihre Aufgaben nicht effizient erfüllen und Käufer hatten Schwierigkeiten, sich zu bewegen und zu inspizieren. … die Träger und die einfachen Arbeiter (stapelten) …die Säcke mit Getreide und Mehl durcheinander, was Verwirrung stiftete, Streitigkeiten über Priorität und sogar Eigentum provozierte, zu Diebstählen einlud und die Waren der Gefahr von Beschädigungen aussetzte. (…) Mercier, Dussausoy und andere Beobachter der Zentralmärkte beschrieben sie als „ekelhaft“, „dreckig“ und „infiziert“.

Zwischen den Säcken lagen Schlamm, Misthaufen, verrottetes Stroh, das zum Abdecken der Säcke verwendet wurde, und anderer Unrat. Die Menschen waren kaum wählerischer als die Pferde – die Mieter in den Wohnungen rund um den Getreidemarkt, so ein Mehlmädchen, warfen häufig „Töpfe mit Urin und Fäkalien“ auf die Waren und manchmal auch auf die Händler. Die Luft war verdorben und der Lärm unerträglich. An schlechten Tagen wehte der üble Gestank des nahe gelegenen Friedhofs St.-Jean mit dem Geruch von verfaultem Fisch vom benachbarten Marktplatz über den Getreidemarkt.“[1]

Als sich Berichte über verdorbenes Mehl, Überfüllung, Diebstahl und Unordnung häuften, erkannte vor allem ein Polizeiinspektor namens Poussot, dass sowohl räumliche als auch organisatorische Veränderungen der Getreidevermarkung notwendig waren. Er organisierte eine Kampagne für den Bau eines dauerhaften Gebäudes für den Getreideverkauf. 1762 stimmte die Regierung zu und gab der Stadtverwaltung die entsprechende Anweisung. Es ging nicht nur um den Bau der Getreidehalle; auch das umliegende Gebiet musste neu organisiert und die sanitären Anlagen verbessert werden.

Kapitel II – Die neue Halle au Blé

Die Halle au Blé wurde auf dem weitläufigen Gelände errichtet, auf dem zuletzt das Hôtel de Soissons unweit der Kirche St.-Eustache, stand.

Das Hôtel de Soissons im 17. Jahrhundert, Kupferstich von Israël Silvestre, um 1650. Die Colonne de l’Horoscope ist im Hintergrund rechts zu sehen.

Benannt war es nach Charles de Bourbon, Comte de Soissons, der das ehemalige, von Jean Bullant zwischen 1574 und 1584 für Catharina de Medici, der Witwe Heinrichs II. von Frankreich, erbaute Hôtel de la Reine, erworben und umgebaut hatte. Der letzte Besitzer, Viktor Amadeus I. Fürst von Savoyen-Carignan, gründete 1720 im Garten des Palais die Pariser Börse. 1740 war er gezwungen, das Hôtel zu verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen. Im Jahr 1748 wurde es abgerissen.

Nur ein Turm in Form einer dorischen Säule, die sogen. Colonne Médicis, mit Verzierungen aus Lilien und dem Emblem von Catharina und Heinrich, ein ineinander verschlungenes H und C, blieb erhalten.

Foto: Wolf Jöckel

Die begehbare Säule nutzte vielleicht Cosimo Ruggeri, der Astrologe der Königin für seine Beobachtungen.

Colonne Médicis. Gallica.bnf.fr./ Bibliothèque nationale de France

Lange Jahre aber war die Nutzung des Geländes des ehemaligen Hôtel de Soissons unklar. Gedacht wurde u.a. an einen neuen Königsplatz. Der bedeutsamste Entwurf hierzu stammt von Germain Boffrand mit einem quadratischen Königsplatz für Louis XV und mit zwei Plätzen an beiden Seiten für einen Getreide- bzw. Gemüsemarkt, gesäumt von Arkadengebäuden. Auch der Bau eines Opernhauses wurde ernsthaft erwogen.

Letztlich fiel aber die Entscheidung für die Getreidehalle, auch weil ihre Finanzierung durch die Vermarktung einer Wohnsiedlung rund um das neue Gebäude die Stadt überzeugte. Die neue Halle war somit ein öffentliches und privates Spekulationsprojekt. Mit dem Entwurf der Getreidehalle wurde Nicolas Le Camus de Mézières (1721-1793) beauftragt, der sich allerdings auch an den Grundstückspekulationen beteiligte und sich dabei finanziell ruinierte.

Drei Anforderungen sollte die Halle erfüllen. Sie musste hell, luftig und brandgeschützt sein. Ebenso wichtig waren bequeme und sichere Zugangsstraßen.

Plan des Halles couvertes et Incombustibles en l’Emplacement de l’hôtel de Soissons, Musée Carnavalet

Bereits 1761 begann Le Camus mit der Planung. Der Grundstein wurde am 13. April 1763 gelegt, die Einweihung fand am 12. Januar 1767 statt, aber erst im Januar 1769 wurde der Markt eröffnet. Die noch im Bau befindlichen umliegenden Gebäude hatten den Zugang blockiert. Die hohen Häuser und die dichte Bebauung wurden als Folge der Gier der Spekulanten scharf kritisiert. In den relativ engen Straßen staute sich nicht nur der Verkehr. Die Luft war stickig und ein freier Luftaustausch wurde behindert, was wiederum das Getreide zu schädigen drohte.

Dessen ungeachtet lobten schon während der Bauzeit der Halle au Blé berühmte Architektur-theoretiker wie Marc-Antoine Laugier [2] und Jacques-François Blondel [3] die innovative Form, die Harmonie ihrer Komposition und die Angemessenheit ihres Ausdrucks. Und für Georges-Louis Le Rouge [4] war es  „ein wahrhaft patriotisches Denkmal“, das „den Römern würdig“ sei. Le Camus‘ Halle au Blé brach mit den üblichen rechteckigen Grundrissen. Seine ringförmige Getreidehalle hatte den Charakter eines Amphitheaters. Der Bau reihte sich ein in das Bestreben, Paris mehr Glanz zu verleihen.

Nicolas Le Camus de Mézières. Plan de halle couverte et incombustible en l’emplacement de l’hôtel de Soissons ca. 1763

Die zweistöckige Halle mit einem Gesamtdurchmesser von 68 m umschloss einen offenen Platz mit einem Durchmesser von fast 40 m. Eine 12,5 m breite Straße umfasste das Gebäude, auf das sechs Straßen mit 7,7 m Breite sternförmig zuführten.

Die Halle öffnete sich im Erdgeschoss nach außen und innen durch 25 identischen Arkaden. Sechs von ihnen korrespondierten mit den sechs zuführenden Straßen und waren Fuhrwerken vorbehalten, während die restlichen 19 den Fußgängern vorbehalten waren.

Der offene Innenhof diente dem schnellen Warenumsatz, er war wie das Arkadengewölbe im Erdgeschoss für den täglichen Handel von Getreide, Mehl und Hülsenfrüchten bestimmt. Empfindliche Ware konnte kurzfristig im Arkadengeschoss gelagert werden. Das Dachgeschoss war als längerer Speicherplatz für Mehl und Getreide vorgesehen. Im Ringbau residierte auch die Marktpolizei, die den Handel überwachte. Hier konnte Antoine de Sartine, Generalleutnant der Polizei, eine gesicherte Versorgung in Szene setzen, indem er Vorräte vor den Fenstern aufhäufen ließ, um Gerüchten über eine Ernährungskrise vorzubeugen.

 

Schnitt durch die ringförmige Halle. Abb. aus Laura Cantero Esquerdo:  La Halle au Blé de Paris –  “Sección transversal de la Halle au Blé”. Nicolas Le Camus de Mézières Musée Carnavalet. Extraída del libro de Mark K. Deming. p.91

Zwei diametral gegenüberliegende, Treppen führten in die Lagerräume des Obergeschosses. Dieses wurde erhellt und belüftet durch 24 rechteckige Fenster, jeweils in einer Achse mit den Innen- und Außenarkaden gelegen, darüber hinaus über ebenso viele kleinere Rundfenster oberhalb der Fensterpfeiler des Obergeschosses. Um Brand, holzfressenden Insekten und Fäulnis vorzubeugen, wurde das Gebäude ohne jegliche Holzteile erbaut. Ein zweireihiges Kreuzrippengewölbe, in der Mitte auf Rundpfeilern ruhend, bildete die Decke des Erdgeschosses. Das Obergeschoss überspannte ein einreihiges Stützliniengewölbe, das auf Robert Hooke zurückgeht, der es 1675 als ideale Gewölbeform präsentierte: „Wie die biegeschlaffe Linie hängt, so wird umgekehrt das stabile Gewölbe stehen.“[5] Ein einfaches Satteldach schützte dieses Gewölbe.

Das gemischte System des Gewölbes aus Steinen und Ziegel unterstrich durch die farblichen Unterschiede die Struktur und übte zugleich, wegen der geringeren Last im Vergleich zu einem reinen Steingewölbe, eine verminderte Schubkraft aus und ermöglichte weniger massige Stützteile.

Kreuzgewölbe im Erdgeschoss. Vue intérieure de l’ancienne Halle au blé, en 1886, Maurice Emmanuel  Lansyer. Musée Carnavalet

Stützlinien-Gewölbe in Obergeschoss. Halle aux Bleds – Paris –  Corn Market. llustration from Versailles, Paris and Saint-Denis, von John Claude Nattes, pub. 1805. British Museum

Eine Besonderheit waren die beiden Treppen zum Dachgeschoss.  Die erste, zur Rue du Four hin gelegen, war hauptsächlich für das Verwaltungspersonal bestimmt, hatte vier, wechselnd doppelte und einfache Absätze und fünf Läufe. Raffinierter war die zweite, zur Rue Grenelle hin. Sie war für die Sackträger bestimmt und konnte gleichzeitig zum Be- und Entladen benutzt werden, ohne dass man sich in Quere kam. Sie hat eine Struktur einer doppelten Wendeltreppe, die sich aus zwei unabhängigen Rampen zusammensetzt wie die berühmte Treppe von Chambord. Nur diese blieb erhalten.

La Halle aux blé. Escalier

Die Medici-Säule, das einzige Überbleibsel des Hôtel de Soissons, wurde in die Außenwand integriert. Der Plan, die Säule in die Mitte des ringförmigen Platzes zu versetzen, wurde aufgegeben. Die Versetzung war zu schwierig, außerdem hätte sie die Markttätigkeit behindert. Um von Nutzen zu sein, installierte man 1764 eine Sonnenuhr. 1812 baute man in den Sockel einen jetzt schon wieder verschwundenen Brunnen ein. Verfolgt man das Schicksal der Säule, wird man den Gedanken nicht los, dass keiner der am Bau beteiligten Architekten mit ihr etwas azufangen wusste und sie nur aus Respekt vor dem kulturellen Erbe erhalten blieb.

Kapitel III – DIE KREISFORM DER HALLE AU BLÉ

I. Schutz und Kontrolle

Der kreisförmige Grundriss der Halle au Blé entsprach nützlichen Erwägungen. Die offenen Arkaden und Fenster brachten Luft in das Gebäude, wichtig für die hygienische Lagerung der Lebensmittel. Die vielen Eingänge erleichterten den Warenverkehr, schützten durch verschließbare Tore an der Außenwand vor Diebstahl und gewährleisteten die Überwachung durch die Marktpolizei. In der Kreisform, die an  Jeremy Benthams Panopticon[6] erinnert, zeigte sich das perfekte Modell für Kontrollen. Die architektonische Gestaltung wurde mit der Lebensmittelversorgung und somit der Gesundheit und Produktivkraft der Stadt verknüpft. Architektur übernahm eine biopolitische Rolle.

Mit ihrer innovativen Form wurde die Halle au Blé zu einem bedeutsamen architektonischen Manifest und beeinflusste die Architektur des späten 18. Jahrhunderts, besonders die Generation der „revolutionären Architekten“. DerKreis und die Kugel feierten ein fulminantes Revival. Man denke nur an die Projekte wie den Cénotaphe de Newton und den Temple de Raison von Etienne-Louis Boullée oder an Claude-Nicolas Ledoux’s Saline royale d’Arc-et-Senans, die architektonische Vorwegnahme der Idee eines moralisch egalitären Gesellschaftssystems, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte (Saint-Simonismus, Fourierismus).[7] Wie viele dieser „sozialen Utopien“ trug aber auch Ledoux’s Projekt den Keim der Kontrolle des Wohlverhaltens in sich.

Saline royale d’Arc-et-Senans, Projektskizze. Bibliothèque nationale de France, 2014

II. Schauspiel und Fest

Seit Urzeiten sind Orte von Feiern und Schauspielen in Kreisform gestaltet; man denke nur an Stonehenge, die orchestra des griechischen Theaters oder den römischen circus. Jacques-François Blondel bezeichnete die Halle au Blé wegen der formalen Ähnlichkeit als „Zirkus“. Die Doppelfunktion, die der Getreidespeicher als Zentrum des Pariser Handelslebens und als Ort öffentlicher Feste annehmen sollte, war daher kein Zufall, sondern bereits in der Grundform des Gebäudes angelegt. Mit seinem kreisförmigen Arkadenbau schuf Le Camus wie Louise Pelletier schreibt „eines der theatralischsten Bauwerke im damaligen Paris“. Es „erfüllte sowohl die Anforderungen einer neuen öffentlichen Einrichtung für den Getreidehandel als auch die repräsentative Rolle eines Ortes für öffentliche Versammlungen.“[8]

Anlässlich der Geburt des Dauphins fand am 21. Januar 1782 ein großes Fest statt, bei der der große offene Innenraum durch ein großes Zeltdach (Velum) geschützt wurde. Es soll Legrand und Molinos zum Bau ihrer Kuppel (1782-1783) inspiriert haben. Die eindrucksvollste Feier in der Halle au blé war die am 14. Dezember 1783 zu Ehren des Friedens von Versailles.[9] Die Zuschauer konnten je nach Rang von den unteren Arkaden, den Fenstern des Speichergeschosses und von einer Galerie, die Legrand und Molinos direkt unterhalb der Kuppel eingebaut hatte, die Feierlichkeiten verfolgen.

Celebration in honor of the Peace of Versailles in the Halle au blé (1783): anonymous engraving. COU. Hennin, Bibliothèque nationale, Cabinet des estampes, Paris. Deming].

Louis Petit de Bachaumont beschreibt das Ereignis in seinen Mémoires secrets de Bachaumont, de 1762 à 1787 und hebt die ‚theatralische‘ Inszenierung hervor: „Das Publikum war in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Im Erdgeschoss tanzte das allgemeine Publikum, das von einem Orchester in der Mitte des kreisförmigen Raums unterhalten wurde. Dieses jubelnde ‚Publikum‘ wurde zum ‚acteur malgré lui [Schauspieler ohne besseres Wissen] für ein Publikum, das sich auf der Ebene des Dachgeschosses und des Balkons befand…“[10]  Und in einem anonymen Brief heißt es: „Dieser Tempel, dessen Kuppel heute mit dem Pantheon in Rom konkurriert, ist auch ein Kolosseum: Heute Abend wird dort ein Volksball zu Ehren des Friedens von Versailles für die Hofgesellschaft aufgeführt. Und die Medici-Säule, die glücklicherweise vor dem Abriss gerettet wurde, ist die Trajanssäule von Paris, das zu einem neuen Rom geworden ist.“[11]

Während der Revolution wurde die Halle au Blé zum Schauplatz zahlreicher öffentlicher Manifestationen und Demonstrationen:  Am 23. Juli 1789 zog eine johlende Menge mit den abgeschlagenen Köpfen von Joseph François Foullon und seines Schwieger-sohns Berthier Sauvigny, aufgespießt auf langen Piken, in die Halle au Blé ein. Beide, Foullon als Finanzminister und Berthier als Intendant von Paris, waren beim Volk verhasst und wurden für die Lebensmittelknappheit in Paris verantwortlich gemacht.

Corps decapite et tetes exhibees au bout de piques devant la Halle au Blé. Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Ein Jahr später, am 21. Juli 1790, wurde hier Benjamin Franklins gedacht. Die Wände wurden mit schwarzem Vorhängen verhüllt, eine Kanzel errichtet und in der Mitte der Halle ein Sarkophag aufgestellt, auf dem die Büste Franklins thronte – eine Inszenierung „Wie ein Echo auf Boullées Kenotaph für Newton“[12]

Oraison funebre de M. Franklin par l’Abbé Fauchet, Paris 1792 – Le Panthéon des philantropes, ou, L’école de la revolution, Yale University

Dass die Halle au Blé nicht nur an ein Theater erinnerte, dass sie Elemente eines Theaters hatte, sondern tatsächlich Ort theatralischer Ereignisse wurde, hing auch zusammen mit Le Camus Leidenschaft für alles, was mit dem Theater zu tun hat.  Er beschäftigte sich intensiv mit der sinnlichen Einwirkung eines Bauwerkes auf seinen Betrachter und zog dabei immer wieder Analogien zum Theater, vor allem in seiner Abhandlung Le génie de l’architecture, ou l’analogie de cet art avec nos sensations [Der Geist der Architektur oder die Analogie dieser Kunst mit unseren Empfindungen], Paris, 1780. Er selbst hatte ein Theater geleitet und war als Dramaturg tätig. Auch das Opernhaus-Projekt an diesem Ort dürfte ihm bekannt gewesen sein.

Kapitel IV  BAU DER  KUPPEL – DIE PANTHEONISIERUNG

Die hölzerne Kuppel –Wiederbelebung einer alten Idee.

Schon bald  nach der Eröffnung der Markthalle stellte sich heraus, dass sie ihren Aufgaben nicht genügte. Der Zuwachs der Pariser Bevölkerung erforderte eine größere Speicherfläche für das Getreide als mit den oberen Gewölbespeichern zur Verfügung stand. Die Säcke mussten im unteren Arkadenring gelagert werden, was die Arbeit der Händler behinderte. Der offene Innenhof  konnte nicht bei jeder Wetterlage genutzt werden. Es wurden deshalb immer wieder provisorische Unterstände errichtet. Die Debatten, wie der  Innenhof ohne Unter-brechung der Markttätigkeit dauerhaft, schnell, kostengünstig und  ästhetisch  ansprechend,  bei begrenzter Tragfähigkeit der bestehenden Struktur, überdacht werden sollte, erstreckten sich über 12 Jahre. Die Projekte zur Überdachung hat Dora Wiebenson [13] detailliert darlegt. Hier können nur wenige Projekte vorgestellt werden.

Bereits 1769 veröffentlichte Le Camus de Mézières selber einen Entwurf einer Steinkuppel. Da ihre Last für die bestehende Struktur zu groß war, sollte sie auf Bögenzwickel ruhen, die von den zwölf Säulen innerhalb des bestehenden offenen Rings getragen werden.

Le Camus de Mézières, Projekt für eine Steinkuppel für  Halle au Blé (aus Le Camus : Recueil des différens plans et dessins, concernant la nouvelle Halle aux grains, située au lieu et place de l’ancien Hôtel de Soissons)

 

Auch Jean-Baptiste Rondelet, Nachfolger von Soufflot beim Bau des Panthéons,  legte 1775 ein Projekt mit einer Steinkuppel vor, die sich auf die bestehende innere Arkadenwand stützte. François-Joseph Bélanger schlug 1782, in Zusammenarbeit mit Pierre Deumier,  serrurier de la ville et des bâttiments du Roi, eine Kuppel aus Schmiedeeisen mit Verkleidung aus Kupferblech vor. 1782 war die Zeit noch nicht reif für eine derartige innovative Lösung. Später wird er Architekt der noch heute bestehenden Metallkuppel werden.All diese Entwürfe wurden wegen so hoher Kosten, zu langer Bauzeit, zu langer Unterbrechung der Markttätigkeit oder aus all diesen Gründen zusammen, abgelehnt. Bei anderen standen einer Realisierung  statische und ästhetische Erwägungen im Wege.

Ausgewählt wurde schließlich das Projekt einer hölzernen Kuppel von Jacques-Guillaume Legrand und Jacques Molinos. Die Konstruktion basierte auf den Studien des Renaissance-Architekten Philibert de l’Orme (auch Philibert Delorme genannt; 1510-1570), die er erstmals 1561 unter dem Titel Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme, Lyonnois, Architecte, Conseiller & Aulmonier ordinaire du feu Roy Henry, & Abbé de St Èloy les Noyon frais veröffentlichte.

Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561 [13a]

 „De l’Ormes Konstruktionen zeichnen sich durch kurze gekrümmte Bohlenstücke aus, die versetzt zueinander angeordnet sind. Die binderlosen Bögen sind in kurzen Abständen hintereinander angebracht und werden in Längsrichtung durch kurze Riegel ausgesteift. Diese sind durch die Bögen hindurchgesteckt und mit seitlichen Keilen gesichert.“ [14]

Abbildung aus: Nouvelles inventions pour bien bastir et a petits fraiz, trouvées n’agueres par Philibert de L’orme Paris 1561.

Dieses Kuppel-System war leicht genug, um es auf die bestehende Struktur ohne zusätzliche Abstützung zu errichten. Es war wirtschaftlich und schnell zu bauen, vorausgesetzt, man fand jemanden, der die exakte Bearbeitung der Tausenden Holzteile und ihr genaues Zusammenfügen kontrollierte.  Die Wahl für die Zimmermannsarbeiten fiel auf den Tischlermeister André-Jacob Roubo, schon bekannt durch sein sechsbändiges Werk L’Art du menuisier, das zwischen 1769 und 1775 erschienen war.  „Seiner Ausbildung und seinem Status nach war er sicherlich ein Handwerker. Gleichzeitig kann man ihn aber auch als eine Art Mitglied der Republik der Wissenschaften betrachten, dessen Ruhm auf seinen Fachkenntnissen in der Holzbearbeitung und Tischlerei beruhte. Sein Fall veranschaulicht, dass die Kluft zwischen den gens de métiers und den gens de lettres im achtzehnten Jahrhundert weniger groß war, als gemeinhin behauptet wird.“[15]

Brian Anderson  schildert die dramatischen Momente des 31. Januars 1783. Der Rohbau der Kuppel mit einer Spannweite von 39,5 m und einer Höhe von 38 m war ohne jegliche innere Abstützung vollendet. André-Jacob Roubo stand allein hoch oben auf einer Plattform. Tief unter ihm und in sicherer Entfernung hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. „Es hatten sich keine Freiwilligen gefunden, die Roubo auf den Gipfel begleiten wollten. Würde alles zusammenstürzen? An jenem Januartag wurde also das letzte Gerüst abgebaut. Die Menge hielt den Atem an. Und nichts geschah. Roubos Plan war aufgegangen. Die wartende Menge strömte auf den Getreidemarkt und trug Roubo im Triumph auf den Schultern davon.“[16]

André Roubo in Les artisans célèbres, par François Valentin, 1843, Gallica/bnf

Das Ergebnis von Roubos Arbeit an der Kuppel der Halle au Blé wurde von den Zeitgenossen als „premier chef-d’oevre de la menuiserie“ bezeichnet. Insgesamt dauerten die Arbeiten an der Kuppel von September 1782 (nach anderer Quelle Juli 1782) bis zum September des folgenden Jahres. Die Kuppel war mit Blei und Kupfer gedeckt und mit 24 großen vertikalen Glasstreifen versehen, um den Innenraum zu beleuchten.  Die später zerstörte Kuppel ist durch Jean-Charles Krafft gut dokumentiert.

Jean-Charles Krafft: Plans, coupes, élévations des plus belles maisons et des hotels construits à Paris et dans les environs , Paris 1801. gallica/bnf.fr. (Ausschnitt)

„Das Gebäude avancierte …in der öffentlichen Wahrnehmung zum Pantheon des modernen Roms.“[17] Und nicht nur das. Wie Benjamin Hays, Professor für Architektur und Architekturgeschichte an der Universität von Virginia, zeigt[18], beeindruckte die Kuppel aus dünnen Holzbohlen den damaligen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Frankreich, Thomas Jefferson, der im August 1786 die Halle au blé besuchte, derart, dass es zu einem regelrechten Transfer von de l’Ormes Technik nach Amerika kam.

Die USA suchte „nach architektonischen Ausdrucksformen, die ihren Status als junge Nation und ihre erhoffte Beständigkeit zum Ausdruck bringen konnten. Gleichzeitig waren die öffentlichen Mittel für große Bauwerke begrenzt…Um dieses Problem zu lösen, förderte der Gentleman-Architekt und späterer Präsident Thomas Jefferson eine Bautechnologie, die zugleich kostengünstig und repräsentativ war: Philibert De l‘Ormes französische Fachwerktechnik aus dem 16. Jahrhundert. Jefferson förderte diese Methode, so erfolgreich, dass der Architekturhistoriker Doug Harnsberger Jefferson als „Delormes leidenschaftlichen Botschafter in Amerika“ bezeichnete.“[19]

Jefferson überzeugte viele der ersten amerikanischen Architekten, De l‘Ormes Methode – er nannte sie salopp a parcel of sticks and chips put together in pens – bei vielen der großartigsten Gebäude der jungen Nation anzuwenden. Die ersten Beispiele für diese Bauweise in Amerika existieren nur auf dem Papier, so Jeffersons Vorschlag für das Präsidentenhaus sowie einen Plan für das US-Kapitol und eines Kuppeldachs für das Präsidentenhaus 1792. Angeregt von Jefferson errichtete 1805 der britische Emigrant Benjamin Henry Latrobe eine Kuppel nach De L’Orme-System über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols. Sie brannte 1814 nieder.

Benjamin Henry Latrobes Kuppel über der Repräsentantenhalle des US-Kapitols

Latrobe wandte die De L’Orme-Methode nach dem Bau des US-Kapitols noch mehrfach  an: so an Kuppel der University of Pennsylvania,  der St. John’s Church in Washington (1817), der Baltimore Exchange und an der hybriden Kuppel aus Ziegelstein und De L’Orme–Bauweise der Baltimore Cathedral. In Deutschland sorgte der Architekt, preußische Baubeamter, Baureformer und  Publizist David Gilly (1748-1808) für die Verbreitung des Bohlendachs. Er wurde direkt durch die französischen Beispiele von de l’Orme sowie die Pariser „Halle aux blés“ beeinflusst, wie sein Werk Ueber Erfindung, Construction und Vortheile der Bohlen-Dächer, mit besonderer Rücksicht auf die Urschrift ihres Erfinders, Berlin 1797 und seine Kupfer-Sammlung zu Handbuch der Land-Bau-Kunst, Braunschweig 1820 belegen.

Die eiserne Kuppel – Rationalität versus Tradition

HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d'une coupole et dessins d'une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris 

Die Kuppel der Halle au Blé erforderte immer wieder Reparaturarbeiten. Bei einer dieser Arbeiten kam es am 16. Oktober 1802 durch eine Nachlässigkeit zu einem Brand, der die Kuppel innerhalb weniger Stunden zerstörte. Fünf Jahre debattierte man über die neue Überdachung für den Hof der Halle au Blé. Fest stand nur: die Kuppel musste feuerfest sein. Ansonsten galt auch hier: Wie konnte man ohne Unterbrechung der Marktes auf der bestehenden Struktur schnell, wirtschaftlich bauen.

Zwischen 1802 und 1806 reichten mehrere Architekten[20], darunter  Legrand, Rondelet und Bélanger, bei dem Conseil des travaux publics, ihre Vorschläge ein. Legrand wollte jetzt eine  gusseiserne Kuppel bauen. Rondelet stellte 1803[21] vier Methoden zur Gewölbekonstruktion vor, die jeweils auf einem anderen Material (Ziegel, Stein, Holz und Eisen) basierten. Er selbst favorisierte wiederum ein Steingewölbe. Und François-Joseph Bélanger hatte  sein Metallkuppel-Projekt von 1781 durch die gewonnenen Erkenntnisse zu Konstruktion, Produktion und Materialeigenschaft von Eisen auf seinen Reisen nach England  weiter entwickelt und perfektioniert.

Die Kommission lehnte alle Projekte als technisch unausführbar ab. Eine neue Kommission aus dem Conseil des travaux publics und dem Conseil des bâtiments civil, sprach sich 1807 für eine Steinkuppel aus. Der neue Innenminister Emanuel Crétet, in seinem früheren Amt mit Bau der Eisenbrücken (Pont des Arts und Pont d’Austerlitz) befasst, hatte eine Neigung zu neuerer Bautechnik. Er forderte von Joseph Marie Stanislas Becquey de Beaupré,  ingénieur directeur des ponts et chaussées und Konstrukteur der pont d’Austerlitz  ein Gutachten zu Bélangers Eisenkuppel-Projekt an.

Eingehend wurde alles geprüft, was mit einer Metallkonstruktion dieser Größenordnung verbunden war, wie z.B.:  thermische Einflüsse auf Guss- und Schmiedeeisen, die Druck- und Dehnungsfestigkeit, die Größe der Dachträger, ihre Probleme bei Herstellung und Montage, die Materialdicke/-stärke der Träger für eine ausreichenden Stärke, die Verbindung der Dachelemente und ihre Auswirkung auf Stabilität und Haltbarkeit, die Lastabtragung der Metallkonstruktion auf die bestehende Bausubstanz und die Auswirkung der  positiven oder negativen thermischen Ausdehnung  der Metallstruktur auf die Pfeiler und die unteren Wände.

Becquey de Beaupré sprach sich für den Bau einer Metallkonstruktion aus, die „aus vertikalen Bögen aus geschmolzenem Eisen (Gußeisen) besteht, die durch schmiedeeiserne Streben verbunden sind“ (Becquey de Beaupré-Bericht 1807).[22] Auf dieser Grundlage basierte im Prinzip Bélangers Kuppel.

Darstellung eines Fachwerkbinders aus 5 Voissoirs, die sich von das Basis (rechts) zur Spitze (links) zunehmend verjüngen. Abbildung aus:  HALLE AUX GRAINS ET FARINES de Paris. Pl., études pour la construction d’une coupole et dessins d’une charpente en fer. Sign. Bélanger. 1809-1812. Archives nationales, Paris

Sie ruht auf einem Sockel auf der Innenwand der Halle und besteht aus „51 großen, gebogenen Fachwerkbindern  (Meridianen), die durch Streben zusammengehalten werden, die 15 kreisförmige Gürtel (Parallelen) bilden.“[23] Jeder der 51 Fachwerkbinder besteht aus jeweils 5 mit einander verschraubter Voussoirs (gebogene Träger-Segmente).  4 Voissoirs sind aus Gusseisen, 1 Voissoir oben nahe der Laterne ist, wie diese selbst, – abweichend von Becquey de Beaupré – aus Schmiedeeisen.

Bélanger präsentiert sich hier auch als Spezialist für bautechnische Probleme – eine Rolle, die er vehement verteidigte. Er betonte wiederholt, der alleiniger Designer der Kuppel gewesen zu sein und nicht François Brunet, dem die Berechnungen anvertraut worden waren. [24] Brunet war kein Ingenieur, eine Bezeichnung, die auf Sigfried Giedion zurückgeht: 1928 schreibt er in seinem enorm einflussreichen Buch „Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen. Bauen in Eisenbeton“ „Es ist unseres Wissens das erste Mal, dass Architekt und Ingenieur nicht mehr in einer Person vereinigt sind.“ Brunet ist ein Bauunternehmer, der im Auftrag Bélangers als Bauleiter auf der Baustelle fungierte.

Sowohl Jean-Roch Dumont Saint-Priest[25] als auch Laura Cantero Esquerdo[26] schreiben ihm aber eine wesentliche Rolle beim Bau der Kuppel zu: Er erstellte die Berechnungen für die Abmessungen der Bauteile, beriet Bélanger bei deren Erstellung und dem Einsatz von Baumaschienen, arbeitete mit den Herstellern (den Creusot-Schmieden) zusammen und überwachte die verschiedenen Gewerke auf der Baustelle. Neben Brunet waren noch andere Fachleute dort tätig wie z.B. die Schlosser Jacquemard und Roussel und der Mechaniker Leschner. Auch wenn sich Bélanger selbst „als Heeresführer auf der Baustelle sah“ [27] – darin wird ihm sein Schüler Jakob Ignaz Hittorff gleichen, war ihm bewusst, dass er durch seine Mitarbeiter neue, ihm zuvor fehlende Fähigkeiten erwerben musste.

Valérie Nègre[28] hat am Beispiel des Baus der ersten Kuppel der Halle au Blé ( 1782-1783) die Produktion und Zirkulation von technischem Wissen auf Baustellen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts untersucht.  Die Baustellen waren nicht nur  Austausch von technischem Wissen zwischen Architekten, Ingenieuren, Handwerksmeistern, Bauunternehmer und Sach-verständigen, sondern auch Orte des Kampfes um Macht und Wissen.

Die Situation hatte sich beim Bau der zweiten Kuppel nicht grundlegend geändert. Auch Verwendung von Metall in der Architektur agierte Bélanger nicht als Einzelkämpfer. „Im Gegenteil: Seine Fähigkeit, kompetente Fachleute zusammenzubringen, war eine der größten Stärken seines Projekts…,[Es ist ] treffender, die Metallkuppel der Halle au Blé von 1813 als Gemeinschaftswerk von François-Joseph Bélanger und François Brunet zu bezeichnen.“ [29]

Sicherlich geht der eigentliche Plan der Kuppel auf Bélanger zurück. Aber das Umsetzen des Plans in einen realen Bau ist ein dynamischer Prozess mit vielen Interaktionen und Akteuren. Mit Recht fordert Valérie Nègre von den Architekturhistorikern, dass sie sich „mehr mit der Kreativität und dem Geschick befassen [sollten], die nötig sind, um „Dinge zum Laufen zu bringen“.[30]

Die Arbeiten an der Kuppel wurden 1809 in Gang gesetzt, nachdem Cretet mit Napoleon Bélangers Entwurf beraten hatte und dieser das Projekt mit einem Dekret vom 4. September 1807 billigte. Napoleon war, wie Frances H. Steiner in seiner Arbeit zu Napoleons Akzeptanz der Metallarchitektur schreibt, „an dem Projekt so sehr interessiert gewesen“, „dass er die Baustelle während der Bauarbeiten besucht und die Kuppel persönlich einweiht“ habe.[31] Die Baustelle wurde sogar anlässlich der Hochzeit Napoleons und Marie-Louise von Österreich in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1810 festlich beleuchtet. Da war Bélanger, früher Leiter der Menus Plaisirs du Roi und verantwortlich für die Ausrichtung und Dekoration der Feste am Hof Ludwig XVI., ganz in seinem Element.  Bélanger berichtet, der Kaiser habe beim Anblick der 1813 fertiggestellten Kuppel ausgerufen: „Mein Gott, sie ist prachtvoll!“

Ob Napoleon auf der Baustelle vielleicht einen jungen Mann aus Köln, Jakob-Ignaz Hittorff , gesehen hat?  Belege dafür finden sich nicht. Hittorff war 1810 zum Architekturstudium nach Paris gekommen und von Bélanger mit der Dokumentation der Arbeiten am Kuppelbau beauftragt worden.

Arbeiter beim Bau der neuen Kuppel“. Die neue Kuppel“. Zeichnung von I.J. Hittorf, dem Assistenten von Bélanger. Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Dazu gehörte auch die Aufstellung der Baugerüste, die den Handel im Innenhof nicht ernstlich behinderten durften. Diese hölzernen Hilfskonstruktionen mussten immer wieder an den Fortgang der Arbeiten an der Kuppel angepasst werden. Hittorff nahm sich den Aufgaben mit großer Sorgfalt an, wie seine Zeichnungen über den Bau der Kuppel, größtenteils aufbewahrt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, belegen.

Hittdorff konnte später bei seinen Bauten, wie der Dachkonstruktionen des Theatre Ambique-Comique, des Panoramas und des Cirque d’Été, besonders aber beim Gare du Nord auf seine Erfahrungen mit der Eisenkuppel der Halle au blé aufbauen.

Eine Schwachstelle von Bélangers Kuppel war ihr Mangel an Belüftung und Lichteinfall. Luft und Licht drangen nur durch die einzigen seitlichen Öffnungen in der Laterne ein. Um dieses Problem zu lösen, beschloss man, das Dach mit einer Reihe von Öffnungen zu versehen, ohne dass jedoch dabei die Helligkeit der Kuppel von Legrand und Molinos erreicht wurde.

The Halle aux blés. drawn by A. Pugin, published by Jennings & Chaplin, London, 1831 [31a]

Bélangers Konstruktion der monumentalen Eisenkuppel nahm ein Jahrhundert der Metallarchitektur in Europa vorweg. Erst am Ende dieses 19. Jahrhunderts wird gelingen, Bauten wie die für die Weltausstellung von 1889 errichtete Galerie des Machines mit einem überspannten Raum von 110 Meter Breite und einen Turm von 300 m Höhe zu errichten, was mit den traditionellen Baustoffen nicht möglich war. Das Paradoxe war dabei, dass Frankreich in der Eisenarchitektur die Führung übernahm, obwohl es im Vergleich zu Großbritannien in seiner Eisenindustrie einen geringeren technologischen Entwicklungszustand hatte.

Monuments anciens et modernes : collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4 / publiée par Jules Gailhabaud. Gallica.bnf.fr

Frances H. Steiner[32] sieht den Grund in rationalistischen Prägung Frankreichs. Französische Architekten und Ingenieure stützten ihre Arbeiten tendenziell stärker auf aktuelle theoretische Studien als ihre englischen Kollegen. Sie planten logisch und pragmatisch und bezogen sowohl  die Fertigungs- als auch die Montageprozesse mit ein. Die Ablösung von vorgegebenen Normen, traditionellen Formen und eines akademischen Gestaltungsstil bei den Eisenkonstruktionen erfolgte nicht sofort. In den ersten Stadien der Eisenkonstruktionen waren die Gußformen noch der Steinarchitektur und ihrer klassischen Formensprache entlehnt. Wir können dies an Henri Labroustes Bibliothèque Geneviève und Jakob Ignaz Hittorffs Gare du Nord sehen. Erst später wird die Eisenarchitektur  ihre eigene Stilsprache entwickeln und in spezifisch eigenartigen Formen ihren künstlerischen Ausdruck finden.

Umso bemerkenswerter ist, dass Bélanger schon früh, ohne Rückgriff auf traditionelle Formen, einen eigenständigen Stil entwickelt hat. Jetzt, in großen Teilen sichtbar herausgestellt, entfaltet seine Eisenkonstruktion ihre Ästhetik.

Die freigelegte Kuppel Bélangers – Foto Wolf Jöckel

Durch neue Konstruktionsmöglichkeiten mit Eisen wurden  offene, lichtdurchflutete Räume möglich, die von einer leichten Konstruktion und Glas umschlossen wurden. Durch die  Standardisierung und Vorfertigung bildeten die einzelnen Elemente  „zusammengesetzt zu einer Gebäudeeinheit oder einem Raumfachwerk […] die Basis für die Serienproduktion.“[33]

Die monumentalen Eisenkonstruktionen brachen nicht nur mit den Formen und ästhetischen Traditionen und Normen, sie veränderten auch die Rolle der Architekten: „Der Einsatz einer experimentellen Bautechnik zwingt ihn zur Zusammenarbeit mit einem Ingenieur oder Techniker. Er sieht sich der Gesamtgestaltung eines Denkmals beraubt, das dadurch gewissermaßen zu einem Gemeinschaftswerk wird.“ (Marc Lauro, ebd.)

Kapitel V   Der Niedergang der Halle au Blé

1854 wurde die Halle au Blé erneut durch ein Feuer schwer beschädigt, zunächst aber wieder repariert. Die Unhygiene rund um die Halle und die sechs Straßen zu ihr, bebaut mit vier- bis fünfgeschossigen Häusern, genügten schon längst nicht mehr dem reibungslosen Waren-transport, denn auf  ihnen konkurrierte das Leben der Bevölkerung des Viertels mit den Fuhrwerken und dem Treiben der Verkäufer und Käufer auf dem Markt.

Überdies machten die von Victor Baltrat erbauten Pavillons die Halle au Blé zu einem Anachronismus. Die ersten sechs östlichen wurden zwischen 1857 und 1858 errichtet. Zwischen 1860 und 1866 folgten vier westliche Pavillons. Weitere folgten später.

Der Rückgang des Weizenhandels an dieser Stelle führte dazu, dass die Halle au Blé nur noch als Lager genutzt wurde. 1873 wurde sie ganz geschlossen.

Aufgrund der Expansion der Wertpapierbörse, die den  gesamten Palais Brongniart einnahm, trennten sich die Institutionen des Handels. Die Handelskammer zog 1853 in ihre eigenen Mauern – blieb aber auf dem Place de la Bourse -, das Handelsgericht schloss sich 1865 der Judikative auf der Île de la Cité an und die Halle au Blé  sollte zur neuen Handelsbörse, zur Bourse de Commerce, umgebaut werden. Sie war Umschlagplatz nicht nur für den Kauf und Verkauf von Getreide, sondern auch von Zucker, Alkohol, Öl und Gummi.


Anmerkungen

[1] Steven Laurence Kaplan: Provisioning Paris: Merchants and Millers in the Grain and Flour Trade during the Eighteenth Century. Cornell University Press, 1984; hier S.114-115.

[2] Marc-Antoine Laugier, Observations sur l’architecture, The Hague: Desaint, 1765, p. 196.

[3] J.-F. Blondel, Cours d’architecture, 6 vols., ed. Pierre Patte, Paris, 1771–7, Vol. 1, p.108.

[4] Georges-Louis Le Rouge, Curiosités de Paris, de Versailles et de Marly, Paris, 1771. Tome 1, p. 223-227

[5] Santiago Huerta & Karl-Eugen Kurrer: Zur baustatischen Analyse gewölbter Steinkonstruktionen. 2008 Archivo Digital UPM. https://oa.upm.es/16334/1/X-1905_PDF_Huerta_Kurrer_2008_Baustatischen.pdf

[6] Das Panopticon (von griechisch παν pān, ‚alles‘, und οπτικό optikó, ‚zum Sehen gehörend‘), ist ein von dem britischen Juristen, Philosophen und Begründer des klassischen Utilitarismus Jeremy Bentham (1748-1832) stammendes Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, aber auch von Fabriken, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch wenige ermöglicht.  Michel Foucault bezeichnete dieses Ordnungsprinzip als Modell moderner Überwachungsgesellschaften und als wesentlich für westlich-liberale Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt. Das im 19. Jahrhundert errichtete (nicht mehr existierende) Gefängnis La Petite Roquette im 11. Arrondissement von Paris war nach diesen Prinzipien gebaut.

[7] L’utopie ou la poésie de l’art. https://expositions.bnf.fr/boullee/arret/d7/index.htm

[8] Louise Pelletier: Architecture in Words. Theatre, language and the sensuous space of architecture. Published 2006 by Routledge.https://library.uoh.edu.iq/admin/ebooks/56950-architecture-in-words.pdf

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Paris_(1783)

[10] Louise Pelletier, Nicolas Le Camus de Mézières’s Architecture of Expression, and the Theatre of Desire at the end of the Ancien Régime ; School of Architecture, McGill University Montreal, May 2000

[11] Anonymer Brief zur Halle au Blé vom 14. Dezember 1783. Zitiert nach Louise Pelletier, ebd.

[12] Louise Pelletier, ebd.

[13] Dora Wiebenson: The Two Domes of the Halle au Blé in Paris. The Art Bulletin, Vol. 55, No. 2 (Jun., 1973), pp. 262-279 (18 pages) https://www.jstor.org/stable/3049099 und  https://doi.org/10.2307/3049099

[13a] ETH-Bibliothek Zürich doi:10.3931/e-rara-7 und gallica. bnf.fr/Bibliothèque de France

[14] Das De l’Orme’sche Bohlendach in Anja Säbel: Hölzerne Dachtragwerke im Königreich Bayern. Dissertation 2016. https://athene-forschung.unibw.de/doc/121178/121178.pdf

[15] Bruno Belhoste: A Parisian Craftsman Among The Savants: The Joiner André-Jacob Roubo And His Works. Annals of Science 65 (4):395-411 (2008)

[16] Brian Anderson : Roubo’s dome for Paris’s Halles aux Blés.,Posted on January 19, 2013 by Lost Art Press. https://blog.lostartpress.com/2013/01/19/roubos-dome-for-pariss-halles-aux-bles/

[17] The Genius of Architecture; or, The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992

[18] Benjamin Hays: The transfer of thin wood vaulting from France to America. In: History of Construction Cultures, Vol. 1. Mascarenhas-Mateus & Paula Pires (eds)© 2021 Copyright the Author(s).

https://www.taylorfrancis.com/chapters/oa-edit/10.1201/9781003173359-8/transfer-thin-wood-vaulting-france-america-hays

[19] Benjamin Hays, ebd.

[20] Details sind bei Dora Wiebenson, ebd. und Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.

[21] Mémoire sur la reconstruction de la coupole de la halle au bled de Paris, par Jean Rondelet 1803

[22] Matteo Porrino. Designing a ground-breaking structure. Notes on the cast-iron/wrought-iron dome of the former Halle au Blé, 1809–1813. https://hal.science/hal-03653098. Submitted on 27 Apr 2022

[23] Matteo Porrino, ebd.

[24] Marc Lauro. Charles-François Viel (1745-1819): architecte et théoricien. Art et histoire de l’art. Université Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2019. Français.

[25] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12

[26] Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid, Universidad Politécnica de Madrid, nachzulesen.

[27] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.

[28] Valérie Nègre: Production and Circulation of Technical Knowledge on Building Sites at the End of the Eighteenth Century. Université Paris 1 Panthéon Sorbonne, France. HoST – Journal of History of Science and Technology, Vol. 15, no. 2, Dec 2021, pp. 17-33. 10.2478/host-2021-0011

[29] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.

[30] Valérie Nègre, ebd.

[31] Frances H. Steiner, Building with Iron: A Napoleonic Controversy. Technology and Culture, Vol. 22, No. 4 (Oct., 1981). https://doi.org/10.2307/3104569https://www.jstor.org/stable/3104569

[31a] Paris and its environs : displayed in a series of two hundred picturesque views, from original drawings By A.Pugin & Ch. Heath, Charles, published 1831 by  Jennings and Chaplin. London

[32] Frances H. Steiner, ebd.

[33] Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582

Literatur

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Jacques-Louis David, ein politischer Maler par excellence. Von Sonia Branca-Rosoff und Wolf Jöckel

Vom 25. Oktober 2025 bis zum 16. Januar 2026 fand im Louvre eine große Ausstellung mit Werken des Malers Jacques-Louis David statt. Es gibt wohl keinen französischen Maler, der mit seinen Werken so einflussreich und Geschichtsbild-prägend war wie David. Sonia Branca-Rosoff, Leserinnen und Lesern des Blogs  bekannt durch ihren schönen Beitrag über den Maler Georges La Tour,  hat die Ausstellung zum Anlass für einen Beitrag auf ihrem  Blog genommen:  https://passagedutemps.com/2026/01/26/la-peinture-tres-politique-de-david/ (26. Januar 2026)

Ich habe ihren Text weitgehend übernommen, aber nach Rücksprache mit ihr an einigen Stellen ergänzt- dies gerade auch im Hinblick auf deutsche Leserinnen und Leser. So habe ich Davids Bild zum Ballhausschwur in den Text integriert und den Abschnitt über David und Napoleon ergänzt. Dabei habe ich auch das monumentale Krönungsbild einbezogen, das ja -allein schon aus räumlichen Gründen- nicht Teil der Ausstellung sein konnte, aber dauerhaft in der Grande Galerie des Louvre zu besichtigen ist. Hinzugekommen sind außerdem der erste Abschnitt über den Beginn des politischen Engagements Davids und über die Zeichnung, die er von Marie-Antoinettes auf dem Weg zur Hinrichtung angefertigt hat. [1]


Im Rückblick auf die Jacques-Louis David- Ausstellung im Louvre könnte ich über den brillanten Porträtisten sprechen;  aber mich haben vor allem die „engagierten” Gemälde (ich weiß, das Wort ist anachronistisch!) angesprochen, die altmodisch wirken. Trotz der Zwischenphase der Impressionisten und Abstrakten war die Kunst doch immer politisch, verherrlichte die Mächtigen und zeigte Könige, die kämpften oder stolz auf ihrem Thron saßen. Andere Künstler protestierten gegen die Ungerechtigkeiten der Macht und verteidigten die Demütigen. Die Politik, die im Mittelpunkt von Davids Malerei steht, ist jedoch anders, sei es die Feier der Heiligkeit des Eides, der die Akteure des Jeu de Paume verbindet, das Opfer Marats, der Charlotte Corday zum Opfer fiel, der Aufruf der Sabinerinnen zur Einheit des Volkes oder der Ruhm Napoleon Bonapartes. Als ich mir die Ausstellung ansah, zögerte ich: Propaganda? Engagierte Kunst? Und ich fragte mich, ob es einen Unterschied gibt.

Auf jeden Fall scheint es mir, dass die Gemälde, die bis zum Sturz Robespierres und der Inhaftierung Davids reichen, Teil des Traums von einer Erneuerung des politischen Lebens sind. Ihre Botschaft veranschaulichte nicht nur die vertikale Machtstruktur, sondern lud auch dazu ein, sich in der Welt zu engagieren. (Sonia Branca-Rosoff)

1790: Davids Engagement für die Revolution und für das Ende der Sklaverei

Als die Revolution ausbrach, war David schon ein bedeutender, weithin geschätzter Maler. Als Portraitist und als Maler monumentaler Historienbilder hatte er sich einen Namen gemacht und war zum „peintre du roi“ (Hofmaler) avanciert. Im königlichen Auftrag entstanden die historischen Monumentalgemälde Schwur der Horatier (1784) und Die Liktoren bringen Brutus die Leichen seiner Söhne (1789), die beide im Louvre ausgestellt sind.

Jacques-Louis David, Die Liktoren bringen Brutus die Leichen seiner Söhne. 1789 (Wikipedia)

Brutus war der erste römische Konsul. Seine Söhne hatten sich gegen die Republik, die liberté romaine, wie es im Originaltitel des Werks hieß, aufgelehnt und waren deshalb vom eigenen Vater zum Tode verurteilt worden. [1] Im Bild links sieht man den um seine Söhne trauernden Vater, für den aber die Verteidigung der „römischen Freiheit“ mehr zählte als seine väterliche Liebe. Für Besucher des Ende August 1789 eröffneten Salons drängte sich eine Parallelisierung von liberté romaine und der gerade erkämpften liberté française geradezu auf. Das Bild wurde als Verherrlichung der Opferbereitschaft für die Nation gesehen und hatte deshalb eine große Resonanz.

Insofern lag es nahe, dass der als „Rubens unseres Jahrhunderts“ titulierte David 1790 einen Ruf nach Nantes erhielt, den im August 1789 gewählten neuen Bürgermeister von Nantes, Christophe Clair Danyel de Kergevan, zu portraitieren. Es war auch insofern eine Auszeichnung, als Nantes beim Übergang des Ancien Régime in eine konstitutionelle Monarchie eine Vorreiterrolle eingenommen hatte. Schon im November 1788 proklamierte die Schicht reicher Händler und Reeder der dem Dreieckshandel und damit auch dem Sklavenhandel ihren Wohlstand verdankenden Stadt die „commune de Nantes“, also das Ende der Adelsherrschaft. Das Portrait des einer alteingesessenen Familie von Reedern entstammenden Kergevan sollte im großen Saal des Rathauses als Zeichen der neuen Machtverhältnisse in der Stadt aufgehangen werden.[2]

Als David im März nach Nantes kam, sah er sich allerdings einer paradoxen Situation ausgesetzt: Die Vertreter der Stadt, revolutionäre Vorreiter, engagierten sich zwar für eine Regeneration der Nation, für Freiheit und Menschenrechte, die allerdings für die Sklaven in den Kolonien und auch nicht für die freien „Noirs“ gelten sollten. David dagegen hatte sich schon vor 1789 den Positionen der Société des Amis des Noirs angenähert, für die Freiheit und gleiches Recht für die gesamte Menschheit gelten sollten. Möglicherweise hat dabei der Kontakt mit dem Chemiker Antoine-Laurent Lavoisier gespielt: Der schloss sich 1788 den Amis des Noirs an, im gleichen Jahr also, in dem David sein Portrait und das seiner Frau malte. [3]

Jacques Louis David, Antoine-Laurent Lavoisier et sa femme, Marie Anne Pierette Paulze. 1788. Metropolitan Museum of Art (Bild: Wikipedia)

David wurde während seines Aufenthalts in Nantes sehr ehrenvoll behandelt, zu einer Konkretisierung des Portrait-Projekts kam es zu seiner großen Enttäuschung allerdings nicht. Auch das von der Stadtverwaltung vorgeschlagene darüber hinausgehende Projekt eines monumentalen Gemäldes kam nicht zustande. Mit ihm sollte die revolutionäre Vorreiterrolle der Bürger von Nantes dargestellt werden. David hatte dazu Ideen entwickelt und seinen potentiellen Auftraggebern übermittelt, ebenso wie eine eine Projektskizze, die nachfolgend vorgestellt wird.

Allegorie de la Révolution à Nantes. Bleistiftzeichnung. Musée d’Arts de Nantes [4]

Am Kai des Hafens von Nantes, deren Umrisse im Hintergrund angedeutet sind, liegt ein Schiff. Auf dem Steg empfängt ein in eine römische Toga gekleideter Mann mit ausgebreiteten Armen die Menge, die dabei ist, auf das Schiff zu gelangen. Dessen allegorische Bedeutung hat eine lange Tradition: Es ist das Schiff des Staates, und gelenkt wird es von dem Gesetzgeber, der dem Staat seit der erfolgreichen Revolution vorsteht. In der mittleren Gruppe von Menschen, die auf dem Weg auf das Schiff und damit in eine bessere Zukunft sind, sticht die Frau mit den beiden Kindern in ihren Armen hervor: Die schützende Mutter, die an die von David bewunderte Darstellung Raphaëls des Massakers der Unschuldigen erinnert: Die Allegorie der Revolution erhält damit auch eine religiöse Dimension. Die Menschengruppe auf der linken Seite der Skizze wird dominiert von einer aufrecht stehenden Frau, die im kompositorischen Rang die gleiche Bedeutung hat wie der Gesetzgeber rechts und die Mutter in der Mitte; dies auch dadurch, dass diese drei Figuren in römische Gewänder gehüllt sind.

Angeführt von dieser den Blick zum Himmel erhobenen Frankreich Frauengestalt ist die Menschengruppe auf der linken Seite eine Allegorie des alten, sich erhebenden Frankreichs. Da gibt es ganz links einen am Boden liegenden Mann, der gerade, wie in Darstellungen des Jüngsten Gerichts, dabei ist, sich zu erheben. Daneben den nackten Mann in Rückenansicht, inspiriert von der Darstellung eines römischen Soldaten in Michelangelos Fresko der Bekehrung des Paulus im Vatikan.

David, Jacques-Louis, Homme nu vu de dos, d’après Michel-Ange [5]

Er reißt eine Mauer nieder, Symbol des Kerkers, in dem die Menschen bisher gefangen waren, so wie ja auch die Bastille niedergerissen wurde als Symbol des Ancien Régime. Besonders bemerkenswert ist der hilfesuchend die Beine der Frauenfigur umklammernden Gestalt mit der zerbrochenen Kette. In allegorischen Darstellungen der Revolution waren, inspiriert von der Bastille, die Ketten ein verbreitetes Motiv. Der citoyen hat seine Ketten zerbrochen und so seine Freiheit gewonnen. Die Hautfarbe dieses Mannes ist weiß, sein Kopf allerdings ist verdunkelt und die Ketten sind eindeutig die Ketten der kolonialen Sklaverei: Die Ketten der Bastille waren Fußfesseln, die der kolonialen Sklaverei Halsfesseln, so wie hier bei David. Nach der Interpretation von Bordes handelt es sich damit um eine Darstellung der esclavage Noir-Blanc, also einer Sklaverei im doppelten Sinne: der metropolitanen, 1789 beendeten, und der noch weiter bestehenden kolonialen. Dass die Vertreter der von der kolonialen Sklaverei profitierenden Stadt Nantes natürlich keinerlei Interesse an einer solchen Darstellung haben konnten und dass David dementsprechend auch nicht den Auftrag erhielt, auf der Grundlage dieses Entwurfs ein monumentales Gemälde für das Rathaus anzufertigen, ist nicht verwunderlich. Davids Aufenthalt in Nantes markiert damit aber den Eintritt dieses „Giganten der Malerei“ in die Revolution, und zwar als Maler und engagierter Bürger (citoyen). [6]

Das Engagement Davids für die Abschaffung der Sklaverei, die dann 1794 nach heftigen Debatten vom Nationalkonvent beschlossen wurde, war allerdings nicht von Dauer: Zum Hofmaler Napoleons konvertiert, schwieg David, als sein neuer Held und Auftraggeber 1802 die Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien dekretierte. [7]

1791:  Malerei der Gegenwart statt antiker Mythologie. Der Ballhausschwur

Der Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 ist einer der grundlegenden Markierungspunkte der Französischen Revolution. Aufgrund der desolaten wirtschaftlichen und finanziellen Situation Frankreichs hatte Ludwig XVI. im Juni 1789 die Generalstände, also die Vertreter von Adel, Klerus und  Bürgertum nach Versailles eingeladen. Am 17. Juni erklärten sich die Vertreter des Dritten Standes, die immerhin 98% der Bevölkerung repräsentierten, zur Nationalversammlung, und drei Tage später schworen sie, zusammen mit einigen Vertretern von Adel und Geistlichkeit, im Ballhaus von Versailles, dem jeu de paume, sich nicht zu trennen und sich überall dort zu versammeln, wo es die Umstände erfordern, bis die Verfassung des Königreichs auf soliden Grundlagen errichtet und gefestigt sei.

Drei Jahre später erhielt David von der Verfassungsgebenden Nationalversammlung den Auftrag, diesen historischen Moment in einem Gemälde festzuhalten. David nahm den Auftrag an. Für ihn bestand der wahre Zweck der Kunst darin, „der Moral zu dienen und die Seelen zu erheben, indem sie in den Zuschauern die großzügigen Gefühle weckt, an die die Werke der Künstler erinnern”.

Der Maler hält es jetzt nicht mehr für erforderlich, sich auf Titus Livius zu beziehen wie zu Zeiten seines Gemäldes „Der Schwur der Horatier“ von 1785.  Es geht ihm darum zu zeigen, dass die Geschichte vor unseren Augen geschrieben wird.  Ein historischer Impuls entsteht zwischen den Männern von 1789, die nicht mehr nebeneinander existierende Individuen sind, sondern eine Versammlung von Helden, die durch das Ereignis des Schwurs miteinander verbunden sind.

Skizze zu dem Ballhausschwur-Gemälde (Ausschnitt)

Das Heldische des Moments wird auf dieser vorbereitenden Skizze durch die Nacktheit der dargestellten Protagonisten betont: So sind die Helden der Gegenwart mit denen der Antike verbunden. David  bedient sich der Sprache der Historienmalerei und des antiken Heldentums, um das revolutionäre Ideal und dessen Taten zu veranschaulichen. 

In dem großen Entwurf des Gemäldes platziert David seine Figuren im Ballsaal von Versailles, wo sich die Abgeordneten versammelt hatten. Sie stehen hinter einer fiktiven Linie, als wollten sie sich einem imaginären Publikum besser präsentieren.

Der Ballhausschwur. Lavierte Federzeichnung von Jacques-Louis David  Musée national du château de Versailles  H. 0,66 m ; L. 1,012 m

Mit ausgestrecktem Arm schwören sie in einem gemeinsamen Anflug von Begeisterung und Kameradschaft den Eid, und die Vertreter der Nation richten ihre Gesten auf Jean-Sylvain Bailly, der den Eid vorliest. Bailly, ein bedeutender Astronom, war damals Präsident der Nationalversammlung.

Auf beiden Seiten des Saals stellt David Zuschauer dar, die wie im Theater die Szene beobachten, die sich vor ihren Augen abspielt. Links hebt der Wind der Freiheit die Vorhänge und weht in den Saal hinein, während ein Blitz in die königliche Kapelle des Versailler Schlosses einschlägt.

Der Aufruf zur gemeinschaftlichen Finanzierung des Gemäldes brachte jedoch nicht das erwartete Geld ein, und die anfängliche Einstimmigkeit war bereits nicht mehr gegeben. Zwischen den „gemäßigten“ Verfassungsvätern und den Jakobinern hatte sich eine Kluft aufgetan, die die Verwirklichung des Werks, das die Einheit verherrlichte, verhinderte: Wichtige Protagonisten des Ballhausschwurs wurden im Verlauf der Revolution von ihren ehemaligen Mitstreitern ermordet: So der im Mittelpunkt der Skizze stehende Präsident der Nationalversammlung Jean-Sylvain Bailly.  Der war zwar am 15. Juli 1789, also einen Tag nach dem Sturm auf die Bastille, zum ersten Bürgermeister von Paris, ernannt worden; er trat aber, überzeugter Anhänger der konstitutionellen Monarchie und angefeindet von den Jakobinern, 1791 zurück. Ein Gemälde mit Bailly als Mittelpunkt verbot sich daher. 1792 sagte Bailly im Prozess gegen Marie-Antoinette zu deren Gunsten aus und wurde, wie viele andere Revolutionäre „der ersten Stunde“, am 12. November 1793 selbst hingerichtet.

1793: David macht Marat unsterblich

Jean-Paul Marat (1743-1793) war Abgeordneter der Montagnards im Konvent. Als Hauptredakteur der Zeitschrift Ami du Peuple verteidigte er eine soziale Revolution und setzte sich beispielsweise für die Armen ein, denen das Wahlrecht verwehrt war. Gegenüber seinen Gegnern schreckte er nicht vor massiver Gewalt zurück: „Was haben wir gewonnen, wenn wir die Aristokratie der Adligen zerstören, sie aber durch die Aristokratie der Reichen ersetzt wird? Und wenn wir unter dem Joch dieser neuen Emporkömmlinge stöhnen müssen“ (30. Juni 1790, Bitte eines passiven Bürgers). Die Freiheit, so forderte er im April 1793 in Zeiten des jacobinischen Terrors, müsse  durch Gewalt begründet werden, „und es ist jetzt der Augenblick gekommen, den vorübergehenden Despotismus der Freiheit zu errichten, um den Despotismus der Könige zu vernichten.“[8]
Im Juli 1793 wurde Marat von Charlotte Corday ermordet, die ihm seine Aufrufe zum Massaker an den Gegnern, insbesondere den Girondisten, vorwarf.

Auf Wunsch der Konventsmitglieder, zu denen er gehörte, malte David sehr schnell ein Porträt zu Ehren seines Freundes Marat. (Er hatte sein Gesicht am Tag seines Todes gezeichnet.)

Der Kopf Marats, gezeichnet am Tag seines Todes, dem 13. Juli 1793

David, La Mort de Marat, 1793 Öl auf Leinwand 162×128. Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel

Das Bild ist ergreifend. Marat liegt in der Badewanne, in der er Bäder nahm, um ein sehr schmerzhaftes eitriges Ekzem zu behandeln. Die mit einem Brett abgedeckte Badewanne ist nicht wirklich erkennbar, was jeden prosaischen Charakter vermeidet. Das blasse, grell beleuchtete Gesicht, umgeben von einem blutbefleckten Handtuch, hebt sich vom dunklen Hintergrund ab, der den größten Teil der Leinwand einnimmt. Das Badetuch ist bereits ein Leichentuch. Marat hat sanfte und ruhige Gesichtszüge, die im Kontrast zu Michelets düsterer Beschreibung in seiner Geschichte der Revolution von 1848 stehen: „Sein fettiges Haar, umwickelt mit einem Taschentuch oder Handtuch, seine gelbe Haut, seine dürren Glieder, sein großer amphibienartiger Mund ließen kaum erkennen, dass dieses Wesen ein Mensch war.“

Die linke Hand ruht auf einem grünen Filz, der auf einem Brett liegt. Sie hält noch immer eine Notiz von Charlotte Corday in der Hand, die ihr den Zugang zu ihm ermöglicht hatte: „Marie Anne Charlotte Corday an den Bürger Marat – es reicht, dass ich sehr unglücklich bin, um Anspruch auf Ihre Güte zu haben”. Immer Mitgefühl! Auf der Truhe einer der Versionen des Bildes steht in Großbuchstaben geschrieben: „Da sie mich nicht korrumpieren konnten, haben sie mich ermordet.“

Auf der Kiste liegen ein Tintenfass, ein Assignat und ein Brief, der von Marats Großzügigkeit zeugt: „Sie werden diesen Assignat dieser Mutter von fünf Kindern geben, deren Mann für die Verteidigung des Vaterlandes gestorben ist.“[9]

David erklärte die eindrucksvolle Komposition des Gemäldes so: Ich dachte, es wäre interessant, ihn in der Haltung darzustellen, in der ich ihn gefunden habe, wie er zum Wohle des Volkes schreibt. Aber natürlich verdankt sein Marat viel den Grabesdarstellungen der religiösen Malerei. Außerdem ist die Ähnlichkeit zwischen Christus und Marat offensichtlich, wie Jacques Guilhaumou in La Mort de Marat feststellt.

16. Oktober 1793: Die Hinrichtung Marie-Antoinettes, das Ende der besiegten Tyrannei

David, der 1792 zum Abgeordneten des Konvents gewählt wurde, sich an der Seite der Montagnards vehement für die Revolution engagierte und bis zum Sturz Robespierres sehr aktiv im Comité de Salut public (Ausschuss für das öffentliche Wohl) war, stimmte für die Hinrichtung des Königs. Aus seinem Hass auf die Königin hatte er schon seit 1789 keinen Hehl gemacht. [9a] Er nahm auch am Schnellverfahren gegen Marie-Antoinette  (vom 15. Oktober bis zum Morgen des 16. Oktober) und der für die Anklage peinlichen „Vernehmung“ ihres minderjährigen Sohnes teil. Während er Marat mit seinem Gemälde zum Helden und Märtyrer der Revolution erhebt, spiegelt die Zeichnung der gestürzten Königin die enggültig besiegte Tyrannei wider.[10]

Jacques-Louis David (1748- 1827), Portrait von Marie Antoinette, Königin Frankreichs, auf dem Weg zur Hinrichtung, 1793. Schwarze und braune Tinte,  14,8 x 10,1 cm,  Louvre.

David zeichnet Marie-Antoinette (1774-1792) in dem Moment, als sie von der Conciergerie zum Schafott auf der Place de la Révolution (heute place de la Concorde) gebracht wird. Es ist der 16. Oktober 1793. David stand der Überlieferung zufolge am Fenster der Bürgerin Julien, der Frau eines Konventsabgeordneten, in der Rue Saint-Honoré, auf dem Weg des Konvois. Mit wenigen schnellen Federstrichen entsteht ein schonungsloses Porträt von Marie-Antoinette. Sie trägt ein weißes Kleid und eine Haube, unter der einige Strähnen ihres kurz geschnittenen Haares hervorschauen. Die Königin ist im Profil von links zu sehen, wie sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf dem Karren sitzt, mit dem die zum Tode Verurteilten zu ihrer Hinrichtungsstätte gebracht wurden.  Ihre Haltung ist steif, ihr Blick hochmütig und ihr Rücken kerzengerade. Marie-Antoinette ist damals 37 Jahre alt, aber hier erscheint sie wie eine alte Frau, als Repräsentantin des auszulöschenden Ancien Régime.

1900 malt Joseph Emanuel Van den Bussche den „Maler David, Marie-Antoinette auf dem Weg zur Hinrichtung zeichnend“: Ein ganz anderes Bild Marie-Antoinettes… [10a]

1795: Die Sabinerinnen rufen zur Versöhnung auf

Das Blatt hat sich gewendet. Robespierre wurde guillotiniert und David sitzt im Gefängnis. Nach seiner Freilassung schlägt er ein neues Kapitel auf. Drei Jahre lang arbeitet er an einem gigantischen Gemälde von 5,22 mal 3,85 Metern, das aus der römischen Geschichte stammt. Nach Fertigstellung des Gemäldes organisiert er eine kostenpflichtige öffentliche Ausstellung, wodurch er sich von öffentlichen Aufträgen unabhängig machen kann. Einige amerikanische Künstler hatten bereits ähnliche Neuerungen eingeführt, aber in Frankreich lief alles über die von der Akademie organisierten Malereisalons.

Poussin hatte die Entführung der Sabinerinnen durch die Römer gemalt, David wählte den Moment der Versöhnung. Drei Jahre sind seit der Entführung vergangen; einige Sabinerinnen haben Kinder mit ihren Entführern bekommen und fordern ein Ende der Feindseligkeiten. Titus Livius beschreibt uns in seinem Geschichtswerk über die Gründung der Stadt Rom die Szene:

Daraufhin wagten es die sabinischen Frauen – denn um das Unrecht, das man ihnen angetan hatte, hatte der Krieg begonnen – mit gelöstem Haar und zerrissenen Gewändern, sich zwischen die geschwungenen Waffen zu werfen, die feindlichen Heere wie in einem Angriff voneinander zu trennen, den Zorn zu bändigen, und auf der einen Seite ihre Väter und auf der anderen Seite ihre Männer zu bitten, nicht frevlerisch ihre Hände mit dem Blut ihres Schwiegersohns oder Schwiegervaters zu beflecken und nicht ihre Enkel und  ihre Kinder mit dem Mord an  ihren Verwandten. „Wenn ihr über eure Verwandtschaft oder über eure Heirat erzürnt seid, wendet euren Zorn gegen uns; wir sind der Grund des Krieges. … lieber werden wir sterben, als, zu Witwen und Waisen gemacht, unsere Männer und Väter zu überleben.“  Dies bewegte sowohl die Massen als auch die Anführer; der Kampf endete und die Führer beider Lager gingen daran, einen Friedensvertrag zu schließen.[11]

Alles auf diesem Gemälde ist darauf ausgerichtet, eine Botschaft zu vermitteln, die man aber ohne Kenntnis der entsprechenden römischen Geschichte und Mythologie kaum verstehen kann. Im Zentrum steht an der Spitze der gegen den Krieg rebellierenden Frauen  Hersilie mit weit ausgebreiteten Armen zwischen ihrem Vater Tatius, König der Sabiner, und ihrem Ehemann Romulus, dem ersten legendären König Roms. Romulus erkennt man an seinem glänzenden Schild, der mit der römischen Wölfin verziert ist.  Seine Position, in Form eines Dreiecks, symbolisiert Stabilität. Er richtet seine (männliche) Lanze gegen seinen Schwiegervater Tatius.

Der sabinische König auf der linken Seite, dessen geneigte Haltung auf einen geringeren Status in der Geschichte hindeutet, richtet sein Schwert auf den Boden (der Schwertgurt schützt die Scham). Zwischen den beiden breitet Hersilie, die Frau von Romulus und Tochter von Tatius, ihre Arme aus, um die Kämpfer unter Missachtung ihres eigenen Lebens zu trennen. Hersilie verkörpert das wiedervereinigte Vaterland…

Die weiße Tunika Hersiles ist Symbol der Reinheit   

Aber ich ziehe die Frau in Rot vor, die mit erhobenen Armen hinter ihr in der Mitte des Bildes steht. Ich verzichte darauf, mich für das Gesamtbild zu interessieren, und isoliere (wie viele andere auch) diese von Hersilias Arm umrahmte Figur. Noch bevor ich mir die Details anschaue, nehme ich die emotionale Kraft der roten Farbe und die Entschlossenheit ihres Blicks wahr, da sie als Einzige mich ansieht. Das Gemälde langweilt mich etwas: David, der die römischen Reliefs bewundert hatte, malt ein wenig so, als würde er Statuen zeichnen, und seine Figuren sind seltsam unbeweglich, erstarrt in ihren bedeutungsvollen Gesten. (Sonia Branca-Rosoff)

Die Frau in Rot ist da eine eindrucksvolle Ausnahme.

David im Dienste der Macht: Die Verherrlichung Bonapartes/Napoleons

David wird zum wichtigsten Bildschöpfer des Kaiserreichs. Da die Einheit der Revolutionäre zerbrochen ist, bleibt nur noch, sich einem Helden anzuschließen. Sein idealisierter Bonaparte, der auf einem wilden Pferd den Mont-Saint-Bernard-Pass erklimmt, und seine großartige Krönungsszene finden sich in allen französischen Schulbüchern wieder. 

Wenn uns das Wort Propaganda in Bezug auf Napoleon in den Sinn kommt, dann deshalb, weil David die kollektiven Themen seiner militanten Zeit hinter sich gelassen hat und sich in den Dienst der Macht gestellt hat.  Das zeigt eindrucksvoll das nachfolgende Bild:

Jacques-Louis David, Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard. 1800  Schloss Malmaison  (Spätere Kopien Davids im Schloss Charlottenburg, in der Wiener Galerie Belvedere und zweifach im Schloss von Versailles)

Auf einem sich aufbäumenden Schimmel überquert Bonaparte mit wild wehendem Mantel in bizarrer Felslandschaft die Alpen am Großen Sankt Bernhard. David stellt ihn damit explizit in die Nachfolge Hannibals und Karls des Großen, deren Namen -natürlich kleiner als die Bonapartes- ausdrücklich am linken unteren Bildrand in die Felsen geritzt sind. Das Bild entstand kurz nach Napoleons erfolgreichem Italienfeldzug. Es ist ein propagandistisches Werk, das Napoleon als visionären Führer glorifiziert. David entsprach damit dem Wunsch seines Auftraggebers, der auf einem feurigen Pferd gemalt werden wollte.  Niemand werde überprüfen, ob die Portraits großer Männer auch der Realität entsprächen, hatte er dem Maler erklärt. Es genüge, dass ihr Genie in dem Bild lebendig sei.[12] 

David folgte dieser Vorgabe: In Wirklichkeit überquerte Bonaparte die Alpen nämlich nicht auf einem feurigen Pferd, sondern auf einem trittsicheren Maulesel… Napoleon war denn auch so zufrieden mit dem Bild, dass er gleich fünf weitere Versionen davon bestellte. In Schloss Malmaison bei Paris ist das Original ausgestellt. [13]

Aber überquerte Napoleon die Alpen denn ganz alleine? Hatte er nicht auch, so möchte man mit Brechts lesendem Arbeiter fragen, -vom Koch einmal abgesehen[14]–  wenigstens Soldaten dabei, mit denen er die Österreicher aus Italien vertreiben wollte?  Oder machte der große Held das ganz alleine? Natürlich gab es die Soldaten auch.

Und es gibt sie auch auf dem Gemälde Davids – unter dem Stiefel Napoleons und den Hufen seines Pferdes… Könnte da vielleicht der alte Republikaner und Jakobiner durchscheinen?

Die Krönung Napoleons

Eines der berühmtesten Gemälde Davids ist sicherlich die monumentale „Krönung Napoleons“: über 6 Meter hoch und fast 10 Meter lang.

Die Krönung Kaiser Napoleons I. und Kaiserin Josephines in der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 2. Dezember 1804, 1804-1807 Öl auf Leinwand, 621 x 979 cm, Paris, Musée du Louvre, Denon-Flügel, 1. Etage

In diesem von Napoleon I. in Auftrag gegebenen Gemälde stellt David den prunkvollen Charakter der Krönung und ihre politische und symbolische Botschaft dar: Es ging Bonaparte darum, durch die Krönung in einem monarchistisch geprägten Europa eine nicht nur auf Waffen gestützte Legitimität zu erhalten. Für viele Zeitgenossen, für die Bonaparte bis dahin ein Verfechter revolutionärer Ideale war, ein Schock. Am bekanntesten wohl Beethovens Reaktion, der seine 3. Sinfonie, die Eroica, dem bewunderten Bonaparte gewidmet hatte,  nach der Krönung aber diese Widmung auslöschte.

Titelblatt der Eroica, von Beethoven korrigierte Abschrift mit dem ausradierten Untertitel „intitolata Bonaparte“ (Wikipedia)

Für Bonaparte/Napoleon war aber die erhoffte Legitimität entscheidend und die sollte „Hofmaler“ David durch sein monumentales Werk anschaulich machen. Der Maler war Augenzeuge der Zeremonie und fügte sein Abbild auch in das Gemälde ein.

Selbstportrait Davids auf der Besuchertribüne obere Reihe, Mitte

David war aber nicht nur passiver Beobachter, sondern er fertigte auch Skizzen der Zeremonie an.

Die Skizze des zentralen Ereignisses, der Krönung Napoleons. (Musée du Louvre)

Diese Vorzeichnung zum Gemälde „Die Krönung“ wurde zur Übertragung auf die Leinwand mit einem Raster versehen. Sie ist berühmt und ein wertvolles Zeugnis dafür, was David für die Gruppe des Kaisers und des Papstes in der Mitte seiner Komposition zu malen beabsichtigte. Nach einem Bericht über die Krönungszeremonie stieg Napoleon auf den Altar, griff nach der Krone, setzte sie sich auf den Kopf und umklammerte mit der linken Hand kräftig das Schwert. David betont die gebieterische Geste des Kaisers. Sein Körper ist bis zum Äußersten angespannt und nach hinten geneigt, entsprechend der Bewegung des Arms, der die Krone hält und sie so besonders hervorhebt. Die weiten, monumentalen Gewänder verstärken den theatralischen Charakter der Szene und die Kraft, die von Napoleon ausgeht. Die Geste des Kaisers spiegelt den Mann der Tat wider, der seine Macht allein sich selbst und seinen militärischen Siegen verdankt. Im Gegensatz dazu scheint der Papst, der hinter dem Kaiser sitzt, die Hände auf den Knien und den Rücken gekrümmt, resigniert der ikonoklastischen Geste Napoleons beizuwohnen.[15]

Im Gemälde allerdings ist diese Geste des Kaisers nicht mehr zu sehen. Für ein neues Regime, das nach Legitimität strebt, gerade mit der Kirche verhandelt hat und die französischen Katholiken für sich gewinnen will, war sie zu provokativ.  Er macht Platz für die konsensfähigere Krönung Josephines, Kaiserin der Franzosen (1804-1809), durch Napoleon. Ebenso verzichtet David auf die Apathie des Papstes, indem er ihn die Segensgeste machen lässt. Napoleon soll über ihn gesagt haben: „Ich habe ihn nicht von so weit herkommen lassen, damit er nichts tut.“[16] 

Alle Blicke richten sich auf die Krone. Um sie hervorzuheben, hat der Maler einen Teil des grünen Vorhangs beiseite geschoben. Das Profil der knienden Joséphine, die für diesen Anlass verjüngt wurde, hebt sich vom schönen ockergelben Mantel des Kreuzträgers ab, direkt vor Murat, der noch das Kissen mit ihrer extra für diesen Anlass gefertigten Krone trägt.

Für seine Komposition ließ sich David von Rubens‘ Krönung der Maria de‘ Medici inspirieren, die heute im Louvre zu sehen ist. Er studierte die Zeremonie vor Ort und ließ die meisten Teilnehmer posieren. In seinem Atelier stellte er die Szene mit Hilfe von Pappmodellen und Wachsfiguren nach. Der Maler platzierte das Kaiserpaar in der Mitte und beleuchtete es mit einem Lichtstrahl. Die Arkaden bilden einen feierlichen Rahmen um das Kaiserpaar: Sie gehören nicht zur damals reichlich heruntergekommenen Architektur von Notre-Dame, sondern sind für die Kröning angefertigtes Theaterdekor.

Im Hintergrund, von der offiziellen Tribüne aus, dominiert Napoleons Mutter Letizia Bonaparte die Szene.

Die Samt-, Pelz-, Satin- und Lamé-Stoffe der Kostüme und Möbel werden durch eine außergewöhnliche Farbpalette wiedergegeben. Dieses Gemälde, ein Gruppenporträt der kaiserlichen Familie, ihres Hofes und des Klerus in Prunkgewändern, vermittelt einen Eindruck von absoluter Realität. Dennoch hat sich der Maler einige Freiheiten gegenüber der Geschichte genommen. Er hat die Architektur der Notre-Dame verkleinert, um den Figuren mehr Raum zu geben. Laetitia Bonaparte, Madame Mère, die bei der Krönung, die sie missbilligte, nicht anwesend war, ist auf Geheiß ihres Sohnes auf dem Gemälde zu sehen. Sie dominiert sogar von der offiziellen Tribüne aus die Szene.  Und die segnende Geste des Papstes, der zunächst die Hände auf den Knien hatte, geht ja auch auf Napoleons Wunsch zurück. Aber wie wir schon gesehen haben, nahm es Napoleon mit der historischen Wahrheit nicht so genau, wenn es um seine Verherrlichung und sein Bild in der Geschichte ging. Und das Volk, das David so eindrucksvoll in seinen Entwurf des Ballhausschwurs einbezogen hatte, hat hier nichts zu suchen. Es gibt auch kein offenes Fenster mehr, durch das der Wind der Freiheit weht…

Der Kaiser war jedenfalls von Davids Gemälde begeistert: „Was für eine Lebendigkeit, was für eine Wahrhaftigkeit! Das ist keine Malerei, man kann in diesem Bild spazieren gehen“, woraufhin der Künstler sagte: „Ich werde im Schatten meines Helden in die Nachwelt eingehen.“

David im Brüsseler Exil: Das Ende des politischen Künstlers

Gegen Ende seines Lebens musste Jacques-Louis David mit ansehen, wie die Ideale, für die er gekämpft hatte, zusammenbrachen. Die Bourbonen waren zurück in Paris und verbannten ihn ins Ausland. [17] Das war für die Bourbonen die Konsequenz des Votums Davids für das Todesurteil Ludwigs XVI. Umso bemerkenswerter Davids Einladung durch den preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. nach Berlin, wo er die Direktion sämtlicher Kunstanstalten übernehmen sollte. Die schlug David aber aus und wählte Brüssel als Ort seines Exils. Mit 73 Jahren hatte er noch die Energie, ein letztes großformatiges Werk (308 × 265 cm) in Angriff zu nehmen: Mars, von Venus entwaffnet (Mars désarmé par Vénus). Der Maler inszenierte sich erneut selbst, aber diesmal handelt es sich um eine private Szene.

Mars désarmé par Vénus. 1824. Bruxelles

Was bleibt, wenn man nicht mehr an den Fortschritt glauben kann? Das Varietétheater! Mars hat seinen Schild und seinen Bogen einer Dienerin zu seiner Rechten übergeben; er streckt sein Schwert mit der linken Hand aus, ohne hinzuschauen. Venus ist von hinten zu sehen (ein Rücken, der direkt aus den Gemälden von Ingres, dem begabtesten Schüler Davids, stammen könnte). Sie überreicht Mars eine Blumenkrone. Um ehrlich zu sein, sind dieser fröhliche Mars, der schon im Voraus errötet, wenn er an die schöne Zeit denkt, die er haben wird, und die beiden turtelnden Tauben, die vielsagend sein Geschlecht verdecken, ein Triumph des schlechten Geschmacks.

Literatur:

Jacques-Louis David, l’empereur des peintres, Passés Composés, Paris, 2025

Jacques Guilhaumou, 1793, la mort de Marat, coll. « La mémoire des siècles » Éditions  complexes 1989

Jacques-Louis David   Dossier pédagogique en lien avec l’exposition 25_10_03_EXE_DOSSIER_PEDAGOGIQUE_DAVID.pdf

Jean-Sylvain Bailly, astronome, homme politique, maire de Paris, 1736 – 1793. https://www.chateauversailles.fr/decouvrir/histoire/grands-personnages/jean-sylvain-bailly#bailly-premier-depute

Jérémie Benoît, « Le Sacre de Napoléon », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 11/02/2026. URL : http://histoire-image.org/etudes/sacre-napoleon

Philippe Bordes, Le Serment du Jeu de paume de Jacques-Louis David. Musée national du château de Versailles, Paris, RMN, 1983.  Le serment du Jeu de paume, 20 juin 1789 – Histoire analysée en images et œuvres d’art | https://histoire-image.org/

Philippe Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage  Son séjour à Nantes, mars-avril 1790. Éditions de la Maison des sciences de l’homme, Centre allemand d’histoire de l’art Paris 2023

Le Couronnement de l’empereur Napoléon Ier et de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804.  https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010065720

Robert FOHR et Pascal TORRÈS, « Marat, martyr de la Révolution », Histoire par l’image [en ligne], consulté le 11/02/2026. URL : http://histoire-image.org/etudes/marat-martyr-revolution


Anmerkungen:

[1] Titelbild: Selbstportrait Davids aus dem Jahr 1794. Louvre. Lesezeit 30 Minuten

[1a] Der Titel desBildes imLivret des Salons lautet: „Brutus,premier consul, de retour en sa maison, apres avoir condamné
ses deux fils qui s’etaient unis aux Tarquins et avaient conspiré contre la liberte romaine. Les licteurs rapportent leurs
corps pour qu’il leur donne la sepulture.“ Oskar Bätschmann, Das Historienbild als „Tableau des Konflikts“: Jacques-Louis Davids „Brutus“ von 1789. Originalveröffentlichung in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 39 (1986), S. 145-162 https://d-nb.info/1295111802/34 Anmerkung 6

[2] Dieser Abschnitt stützt sich auf: Philippe Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage. Siehe dazu auch:   https://www.dfk-paris.org/fr/publication/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage-3871.html und https://www.fmsh.fr/parutions/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage

[3] David konnte das Doppelportrait allerdings auf dem Salon von 1789 nicht zeigen: „Man befürchtete erneute Unruhen wegen eines kürzlichen Vorfalls, der Lavoisier beinahe das Leben gekostet hatte. Als Kommissär im Rüstungsamt seit 1775 verantwortlich für die Herstellung und Lagerung des Schießpulvers, hatte Lavoisier im August einen Austausch von altem durch neues Pulver angeordnet. Die mißtrauische Bevölkerung hatte offenbar nur den Abtransport wahrgenommen und darin einen Akt des Verrats an der Revolution gesehen. Lavoisier wäre beinahe umgebracht worden, obwohl bekannt war, daß er den revolutionären Kreisen um Mirabeau, Brissot, Sieyes und Bailly zugehörte.“ Oskar Bätschmann, Das Historienbild als „Tableau des Konflikts“: Jacques-Louis Davids „Brutus“ von 1789. Originalveröffentlichung in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 39 (1986), S. 145-162 https://d-nb.info/1295111802/34

[4] Bild aus: https://arthive.com/fr/jacqueslouidavid/works/541042~Une_allgorie_de_la_rvolution_Nantes

[5] Musée du Louvre, Département des Arts graphiques, RF 36942, 13 – https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020038861https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020038861 Siehe Bordes, S. 90/91

[6]  „L’histoire renouvelée du séjour nantais de David se révèle alors comme le moment de l’entrée en Révolution de ce géant de la peinture en tant que citoyen et artiste.“ https://www.dfk-paris.org/fr/publication/jacques-louis-david-la-traite-negriere-et-lesclavage-3871.html

[7] Bordes, Jacques Louis David, la traite négrière et l’esclavage  S. 16. Als Lavoisier, der vermutlich zur Sensibilisierung Davids für die Situation der Sklaven beigetragen hatte, 1794 von einem Revolutionsgericht zum Tode verurteilt wurde, schwieg David, damals entschiedener Anhänger Robespierres, offenbar übrigens auch. Bezeichnend ist da seine Skizze für die Neugestaltung der Figur des Brutus in seinem Historiengemälde von 1789. Da ist der Brutus nicht mehr der trauernde Vater, sondern der Staatslenker, der hoch erhobenen Hauptes und ohne Bedauern das politische Notwendige tut, auch wenn er dabei über Leichen geht – selbst wenn es die eigenen Söhne sind. (Siehe Bordes, S. 80/81)

[8] Marat über den Wohlfahrts­ausschuss, 6. April 1793.   

[9] Assignaten waren das in der Französischen Revolution eingeführte Papiergeld. https://de.wikipedia.org/wiki/Assignat

[9a] Siehe Bordes S.86

[10]  Dieser Abschnitt stützt sich weitgehend auf das Dossier pédagogique  der Ausstellung. 25_10_03_EXE_DOSSIER_PEDAGOGIQUE_DAVID.pdf

[10a] Le Peintre David dessinant Marie-Antoinette conduite au supplice, 1793, par Joseph Emanuel Van den Bussche, 1900 (Vizille, musée de la Révolution française). HERITAGE IMAGES / AURIMAGES siehe: https://www.lefigaro.fr/histoire/marie-antoinette-sur-l-echafaud-vue-par-jacques-louis-david-deux-mondes-et-un-impossible-dialogue-20251025

[11] Titus Livius, ab urbe condita Buch I,13  https://www.lateinlehrer.net/autoren/ab-urbe-condita

[12]  „Personne ne s’informe si les portraits des grands hommes sont ressemblants. Il suffit que leur génie y vive.“ https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/le-premier-consul-franchissant-les-alpes-au-col-du-grand-saint-bernard 

[13] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2025/05/05/malmaison-das-allerliebste-landhaus-napoleons-und-josephines/

[14]  Das bezieht sich auf diese Zeilen aus Brechts Gedicht:  Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

[15]  Der Abschnitt über die Krönung Napoleons stützt sich weitgehend auf die Darstellung im Dossier pédagogique des Louvre https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010065720

Zur selbstherrlichen Geste Napoleons und der entsprechenden Geste Trumps bei der Übernahme des „Friedenspreises“ des Internationalen Fußballbundes siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2025/12/13/napoleon-und-david-trump-und-infantino/

[16] Le Moniteur vom 16. Januar 1808 und der Bericht von Charles Blanc, 1845

[17] Dass David, der ja nach dem Sturz Robespierres nur knapp dem Fallbeil entging, nach der Restauration zum Exil verurteilt wurde, beruhte auf der Tatsache, dass er für das Todesurteil Ludwigs XVI. gestimmt hatte. Zum Exil Davids habe ich in der vom Centre des Monuments Nationaux herausgegebenen offiziellen Darstellung der Chapelle Expiatoire folgende bemerkenswerte Passage gefunden. Dort geht es um den napoleonischen Architekten Charles Percier, der nach dem Sturz Napoleons keine Aufträge mehr annimmt. „Percier choisit de se désengager. Ce retrait général de la pratique professonelle, probablement motivé par des convictions politiques, cet exil intérieur (est) comparable au départ de David pour la Belgique.“ Da wird das erzwungene Exil Davids als freiwilliger Akt umgedeutet… (Jean-Philippe Garric, La Chapaelle expiatoire. Paris 2025, S.13)

Von Herrn Ulrich Schläger habe ich die nachfolgenden Anmerkungen zu David erhalten, die ich mit seiner Zustimmung hier wiedergebe:

Ein Wort zu David: Man muss nur talentiert genug sein, dann wird so ein elender Schuft wie  David wiederum, wie schon 1989, im Louvre gewürdigt.  Mir ist nicht bekannt, dass David, der noch kurz vor Robespierres Sturz im Konvent verkündete: Er sei bereit, mit Robespierre zusammen »den Giftbecher zu trinken«, jemals sich seinen Taten im Sicherheitsausschuss und anderen vielen Gremien ernsthaft gestellt und diese bereut hätte. Stattdessen stilisierte er sich als irregeleitetes Opfer: „Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr mich dieser Unglückliche (Robespierre) getäuscht hat; er hat mich mit seinen heuchlerischen Gefühlen betrogen.“  David hat es verstanden Marat, Haupturheber der Septembermorde, bei denen 1792 über 1200 inhaftierte Revolutionsgegner und auch andere Gefängnisinsassen massakriert wurden, zu einem Märtyrer der Revolution zu stilisieren. Mit seinem Bild  Marat à son dernier soupir hat David eine „gefühlsbeladene Ikone für den Ami du peuple aufgerichtet“ (Sauerländer, Willibald: Davids »Marat à son dernier soupir« oder Malerei und Terreur. In: IDEA II (1983), die die Kunstwelt bis heute feiert und auch ansonsten das hohle Pathos seiner Bilder (Der Schwur der HoratierDie SabinerinnenLiktoren bringen Brutus die Körper seiner Söhne) hereinfällt. Das gleiche theatralische, heroisierende Getöse, mit dem David die diversen Revolutionsfeierlichkeiten inszenierte.  David griff auch immer wieder zur Feder, um die letzten Momente der Verurteilten (s. Bild von Marie Antoinette) festzuhalten. „Als Danton auf dem Henkerkarren zur Guillotine gefahren wurde, sah er David bei seiner Arbeit und rief ihm zu: Lakai! – eine kurze und prägnante Charakterisierung der moralischen Qualitäten dieses Ausnahmekünstlers.“ (https://republique.de/de/david) Und dann noch ein opportunistischer Propagandist Napoleons. Ein Ehrgeizling ohne jedes Gewissen! .

Für David habe ich nur Verachtung übrig.

In Dankbarkeit für Ihre vielen anregenden Blogs

Ulrich Schläger

Bild des Monats März 2026: Das gespaltene Paris, West versus Ost

Dieses Schaubild aus dem Parisien vom 16. März zeigt, welche Parteien im ersten Wahlgang der Pariser Kommunalwahlen am 15. März 2026 in den einzelnen Pariser Arrondissements in Führung lagen. In den blauen Arrondissements war das eine Mitte-rechts-Koalition (LR,MoDem, UDI), deren Spitzenkandidatin für das Amt der Bürgermeisterin von Paris Rachida Dati von der konservativen Partei Les Républicains (LR) ist. Dati ist Bürgermeisterin im 7. Arrondissement und wurde dort schon im ersten Wahlgang direkt wiedergewählt. Zuvor war sie Kultusministerin und auch schon Justizministerin, muss sich allerdings im September 2026 in einem Prozess u.a. wegen Vorwürfen der Korruption verantworten. In den roten Arrondissements hatte ein linkes Parteienbündnis (PS, Grüne, PCF) im ersten Wahlgang die Mehrheit. Spitzenkandidat ist hier der Sozialist Emmanuel Grégoire. Er war von 2014 bis 2024 in der Pariser Stadtverwaltung tätig, zuletzt als premier adjoint, also „zweiter Mann“ nach der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die nicht mehr kandidiert. In dem gelben 5. Arrondissement lag im ersten Wahlgang Pierre-Yves Bournazel vor, der eine von Macron unterstützte liberale Liste (Renaissance-Horizonts) anführt.

Ich habe dieses Schaubild ausgewählt, weil es -zusammen mit dem Vergleichsbild der Wahlen von 2020- eindrucksvoll die politische Ost-West-Spaltung von Paris zeigt, die für Kommunal- wie auch für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen charakteristisch ist. Die Polarisierung der Wählerstimmen -für die Rechte im Pariser Westen, für die Linke im Pariser Osten- hängt eng mit der sozialen Struktur der Stadt zusammen. Der Westen ist geprägt von einer „gutbürgerlichen“ Wählerschaft (cadre et bourgeois), die Wählerschaft im Osten ist sozial und auch bezogen auf die ethnische Herkunft stärker gemischt (social et ouvrier- Claude Dargent, CEVIPROF). Das geht auf die in den östlichen Vororten wie im Faubourg Saint-Antoine heimischen Handwerksbetriebe und die im Zuge der Industriellen Revolution in den östlichen Arrondissements errichteten Industriebetriebe zurück.

Der Gegensatz zwischen dem reichen Pariser Westen und dem ärmeren Osten bildete sich aber schon früher heraus, als Aristokratie und reiches Bürgertum den Osten der Stadt, vor allem das Marais, verließen und sich im den Faubourgs Saint-Honoré und Saint-Germain oder noch weiter im Westen Richtung Versailles niederzulassen (z.B. Neuilly-sur-Seine). Seit der Juli-Monarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit der Ära Haussmann hat sich die „ségrégation horizontal“ dann weiter ausgeprägt. (Bernard Marchand: Paris, histoire d’une ville, 1993). Und die bei Haussmann noch vorhandene „ségrégation vertical“ (die Reichen in den noblen Etagen, die Armen/Bediensteten unter dem Dach) gibt es heute auch kaum noch- dazu sind die Wohnungspreise im Pariser Westen viel zu hoch: Ein Quadratmeter Altbau kostet dort aktuell durchschnittlich über 10 000 Euro, im östlichen 19. Arrondissement dagegen „nur“ 7500 Euro (NouvelObs Immobilier März 2026). Für die traditionelle Arbeiterschaft und Geringverdiener ist auch das natürlich nicht tragbar. Die müssen dann in die angrenzende noch ärmere Banlieue abwandern, falls sie nicht das Glück haben, eine Sozialwohnung zu erhalten – von denen gibt es im Osten der Stadt immerhin deutlich mehr als in den westlichen Stadtteilen, wenn auch bei weitem nicht genug. Und dann gibt es ja auch schöne Ecken im östlichen Paris, in denen sich gerne -und mit gutem sozialen und ökologischen Gewissen- wohlhabende Bobos (bourgeois-bohème) niederlassen- wie beispielsweise im quartier de la Mouzaïa, einer einst für die Arbeiter in den dortigen Steinbrüchen errichteten Siedlung im 19. Arrondissement oder in manchen der früheren Handwerkerhöfen des Faubourg Saint-Antoine

Die politischen Konsequenzen der Spaltung der Stadt zeigten sich in allen Revolutionen von 1789 über 1830, 1848 und 1871, an denen die Bevölkerung des Pariser Ostens einen wesentlichen Anteil hatte. Und sie zeigt sich bis heute in den Wahlergebnissen der Stadt…

Ausblick:

Am Sonntag 22.3. findet dann der zweite Wahlgang statt. An dem stehen drei Listen zur Auswahl: Die beiden Listen von Dati und Grégoire und dazu noch eine Liste der linken LFI (La France Insoumise). Die hatte mit ihrer „Spitzenkandidatin“ Sophia Chikirou, der Partnerin des LFI-Gründers und Chefs Melenchon, im ersten Wahlgang über 10% der Stimmen erreicht (11,7 Prozent) und damit die Berechtigung, am entscheidenden zweiten Wahlgang teilzunehmen. Der im 5. Arrondissement in Führung liegende liberale Kandidat ist dagegen -entgegen vorhergehender Bekenntnisse- ein Wahlbündnis mit Dati eingegangen, und Sarah Knafo, Lebens- und politische Gefährtin des Rechtsextremisten Eric Zemmour, die im ersten Wahlgang ebenfalls über 10% der Stimmen gewann, hat auf eine Teilnahme am 2. Wahlgang verzichtet, um eine Zersplitterung der Stimmen des rechten Spektrums zu verhindern. Diese Zersplitterung gibt es nun aber (aus für mich nachvollziehbaren Gründen) auf der linken Seite… Grégoire hatte zwar im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen als Dati, aber im zweiten Wahlgang sind die Karten neu gemischt, der Ausgang ist völlig offen… Und völlig offen ist auch, wie lange Dati, falls sie denn gewinnen sollte, angesichts des bevorstehenden Prozesses wird im Amt bleiben können… Ihr Förderer, der verurteilte Ex-Präsident Sarkozy, lässt grüßen…

Persönliches Nachwort:

Mit der Ost-West-Spaltung der Stadt wurden wir übrigens persönlich konfrontiert, als wir 2009 eine Mietwohnung in Paris suchten. Wir bekamen da einen Hinweis auf eine sehr schöne -auf Zeit zur Verfügung stehende und deshalb auch bezahlbare- Wohnung im noblen 16. Arrondissement. Unsere Pariser Freunde, denen wir das erzählten, waren entsetzt. Ins 16. …???…!!! Zur allgemeinen Zufriedenheit (vor allem unserer) entschieden wir uns schließlich aber  für eine Wohnung im populären 11. Arrondissement: In der Wohnung im 16. gab es nämlich keine Waschmaschine, und weit und breit kein Waschsalon; und was Lebensmittelgeschäfte und öffentliche Verkehrsmittel angeht, sah es auch nicht viel besser aus…

Aktuelles Nachwort vom Wahlabend:

Die Ost-West-Spaltung von Paris bleibt übrigens auch nach dem 2. Wahlgang erhalten. Sie verstärkt sich sogar noch: Im 9. Wahlkreis gibt es im zweiten Wahlgang eine Mehrheit für Grégoire, ebenfalls im 5. Arrondissement.

Ihre Wahlanalyse vom 26. März überschreibt Le Monde mit den Worten:

Noch niemals war die Hauptstadt derart in zwei politische und geographische Blöcke gespalten“

Angesichts der Übersichtskarte des gespaltenen Paris stellt sie sogar die rhetorische Frage, ob es sich hier um Paris oder nicht vielmehr um das Berlin vor dem Mauerbau handelt….

Dass Grégoire entgegen allen Voraussagen so deutlich gewonnen hat, ist offenbar darauf zurückzuführen, dass die liberalen Wähler/innen Bournazels im zweiten Wahlgang deutlich mehr für Grégoire gestimmt haben als erwartet. Und ein Teil der Wähler/innen von La France insoumise hat ebenfalls im zweiten Wahlgang mit einem sogenannten vote utile für Grégoire gestimmt, um einen Wahlsieg von Rachida Dati zu verhindern. Eine wichtige Rolle hat auch das neue Wahlsystem gespielt, bei dem die Wahl des Bürgermeisters von Paris und der Bürgermeister in den Arrondissement getrennt waren. So haben offensichtlich viele Wähler/innen in den Arrondissements rechts, für die Wahl des Pariser Stadtoberhaupts aber links abgestimmt.

Zuviel Glanz: Das Schloss Vaux-le-Vicomte des Nicolas Fouquet und die Rache des Sonnenkönigs (Teil 2)

Im ersten Teil des Beitrags über das Schloss Vaux-le-Vicomte wurde der steile Aufstieg Nicolas Fouquets zu den Gipfeln der Macht behandelt und sein Schloss, „das erste Versailles“, als Prachtbau zur Mehrung des eigenen Ruhms, aber auch zur Demonstration der Treue zum „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. beschrieben.

Gegenstand des nachfolgenden zweiten Teils sind der Garten von Vaux-le-Vicomte, ein richtungsweisendes Werk des Gartenarchitekten Le Nôtre und ein Vorbild für den Park von Versailles, und des spektakuläre Fest, das Nicolas Fouquet am 17. August 1661 für Ludwig XIV. und dessen Gefolge in Vaux-le-Vicomte veranstaltete – ein letzter Höhepunkt vor seiner Verhaftung und seiner lebenslangen Festungshaft.

Der Garten von Vaux le Vicomte: Vorbild von Versailles und Muster europäischer Barockgärten

Außerordentlich wie das Schloss ist auch der Garten von Vaux-le-Vicomte. Und beide gehören zusammen, sind untrennbar miteinander verbunden. Das wird schon deutlich, wenn man das Schloss betritt:  Drei große Fenstertüren des Grand Salon -ursprünglich waren es sogar lediglich Gitter- öffnen sich zum Garten.  „die Architektur entwickelt eine Dynamik, die den Besucher direkt vom Schloss in den Garten weist.“ Das sah schon Mlle de Scudery: „Das Halbrund des Salons drängt nach draußen.“[1]

©Alejandro Fernandez

Das Panorama, das sich von dem leicht erhöhten Schloss auf den Garten bietet, ist grandios: „Fernab der bisher geltenden Regeln der Renaissance und des italienischen Manierismus wird ein Park ohne Mauerbegrenzung mit einer bis dahin unbekannten perspektivischen Wirkung in eine endlos scheinende Landschaft gestellt.“[2]  Der in der Entstehungszeit von Schloss und Garten angefertigte Stich von Israël Sylvestre zeigt das sehr eindrucksvoll.[3]

Zum ersten Mal erhielt in dieser Epoche ein Gartenarchitekt hier die Möglichkeit einer umfassenden Planung und Gestaltung.“[4] Und er erhielt als Voraussetzung ein von Bäumen und menschlichen Ansiedlungen „gesäubertes“ Gelände: Für sein Schloss und den Garten ließ Fouquet 500 Hektar Wald roden und den kleinen Weiler Vaux schleifen, ein Rechteck von bis zu 350 m Breite und 1200 m Länge. Die hier angewandte Methode ist die der tabula rasa, die der neuen Geisteshaltung der zentralistischen Macht entspricht.  Die in Versailles in gigantischem Ausmaß demonstrierte uneingeschränkte Macht des absoluten Herrschers über seine Untertanen und über die Natur zeichnet sich schon hier ab.[5]

Von der Schlossterrasse aus überblickt man den durch eine Hauptachse gegliederten Garten. In der Mitte das sogenannte Broderieparterre, zwei symmetrisch angelegte teppichartige Beete mit einem kunstvollen Muster beschnittener Buchsbaumhecken. Zur Entstehungszeit des Schlosses von Vaux-le-Vicomte galten sie als der vornehmste Schmuck eines Gartens.[6]

Foto: Frauke Jöckel 26.5.2012

Die Bäume dahinter, die den Garten einfassen, sind exakt in Reih und Glied aufgereiht: Auch sie sind ein Ausdruck der absoluten Herrschaft über die Natur. Die erwies sich in den letzten Jahren allerdings gewissermaßen als Spielverderber: Schädlinge und Krankheiten setzten den Buchsbaumhecken so zu, dass sie durch Bänder aus glänzendem Aluminium ersetzt wurden.[7]

Die Gartenpartien neben dem Broderieparterre sind allerdings keineswegs symmetrisch.

Die Treue zum König wollte Fouquet durch das parterre de la Couronne auf der linken Seite beweisen. Es bezieht sich auf das im linken Teil des Schlosses gelegene Appartement des Königs. [8]

In der Mitte dieses Gartenteils liegt der „Kronenbrunnen“. Hier schwebt eine goldene Krone scheinbar auf der Wasserfläche eines Teiches und spiegelt sich in der Sonne.

Die rechte Seite des Broderieparterres wird von Nutzgärten bestimmt: Einem Blumenparterre -dem einzigen im gesamten Garten- und einem Obst- und Gemüsegarten.

Fouquet war ein „ausgesprochener Liebhaber von Blumen“- er „ließ sich sogar aus Rom Hyazinthen kommen, die er besonders schätzte.“ Trotzdem spielen Blumen in dem Garten von Vaux-le-Vicomte nur eine Nebenrolle.“ Zweifellos galt die Vorliebe Le Nôtres „anderen Materialien und Elementen wie Rasen, Kies und Wasser: Auf diese Weise machte er seine Schöpfungen weitgehend unabhängig vom Einfluss der Jahreszeiten und verlieh ihnen etwas Unveränderliches.“[9]

Für die Anlage des Obst- und Gemüsegartens engagierte Fouquet Jean-Baptiste de la Quintinie, der eine vielversprechende juristische Laufbahn abgebrochen hatte, um seiner Berufung als Gestalter von Nutzgärten zu folgen.  Quintinie  konzipierte den potager von Vaux-le-Vicomte, der allerdings nicht mehr existiert. Und er gehörte mit Le  Nôtre, Le Vau und Le Brun zu der Künstlergruppe, die nach dem Fall von Fouquet von Ludwig XIV. „übernommen“ wurde. In Versailles schuf er, vom Sonnenkönig hoch geachtet, den „potager du roi“, der den königlichen Hof mit Obst und Gemüse versorgte.

Eingang des ehemaligen Nutzgartens

Eine prägende Bedeutung hatten die Wasserspiele des Gartens. Insgesamt gab es 36, von denen allerdings nur noch 20 heute existieren: Der Reichtum an Springbrunnen war für die Zeitgenossen ein wesentliches Kriterium für die Wertschätzung eines barocken Gartens. Und Wasser war in Vaux reichlich vorhanden. Es gab beim Bauplatz Bäche und das Flüsschen Anqueil, die genügend Wasser lieferten, um die vielen Springbrunnen zu betreiben. Hier waren also nur recht begrenzte Wasserbaumaßnahmen erforderlich, im Gegensatz zu dem dafür topografisch ungeeigneten Versailles, wo selbst pharaonische Bauwerke nicht ausreichten, um Ludwigs XIV. größenwahnsinnige Vorstellungen ewig sprudelnder Fontänen zu erfüllen.

Les Bassins des Tritons

Das Motiv des Wassers steigert sich vom Schloss kommend immer mehr. Beim Gang durch den Garten erwarten den Spaziergänger immer neue Überraschungen. Dazu gehörte auch die von Springbrunnen gesäumte Allee auf der Sichtachse des Gartens zwischen den Bassins des Tritons. Sie war gesäumt von mehreren Dutzend Fontänen, die heute durch Marmorvasen ersetzt sind. Madelaine de Scudery nannte die Allee eine „balustrade de cristal“.[10]

Das Ende dieser Wasserallee bildet ein großes quadratisches Wasserbecken. In ihm spiegelt sich -eine weitere Überraschung- das 500 Meter entfernt liegende Schloss in voller Größe: Der erste miroir d’eau eines französischen Gartens.

Zu den auf den Spaziergänger wartenden Überraschungen gehören auch der vom Schloss aus nicht sichtbare große Kanal, in dem das Wasser des Flüsschens Anqueil aufgestaut ist, und die große Kaskade.

Dazu Madeleine de Scudery 1661: „Hinter dem großen quadratischen Becken steigt man … hinab und jetzt sieht man etwas völlig Überraschendes. Tatsächlich kann sich die Phantasie etwas so Großes, so Schönes und so Glanzvolles nicht vorstellen; die Natur, so mächtig sie auch ist, kann etwas so Schönes nicht hervorbringen, und die Kunst, die sich so häufig rühmt, sie nachzuahmen, sie gar zur übertreffen und stets zu schmücken, könnte etwas so Wunderbares nicht erschaffen. So darf man sagen, dass das, was man an eben diesem Ort sieht, das Meisterwerk der Verbindung von Kunst und Natur ist.“[11]

Blick von der Kaskade auf den Kanal

La Fontaine rühmte in seinem Songe de Vaux die Zahl und Vielfalt der Springbrunnen. Hortésie, die Muse der Gärten, preist die „hundert verschiedenen Formen“: manchmal ruhe das Wasser, manchmal fließe und manchmal springe es empor; und immer sei es eine Freude für die Augen.[12]

In die beiden Grottenhöhlen (Plan Nr. 18) sind die Skulpturen zweier Flussgötter eingefügt. Hier in der linken Grottenhöhle der einheimische Flussgott Anqueuil ….

…. rechts der Tiber. „Mit diesem Gegensatzpaar präsentiert sich Vaux-le-Vicomte in Abgrenzung zu Italien und diesem überlegen.“

 Während der Tiber in melancholischer Pose seinen Kopf auf die linke Hand gestützt hat, zeigt sich „der die Anlage durchfließende und die unzähligen Wasserspiele unversieglich speisende Anqueuil …. üppiger und zufriedener als der römische Tiber, der sein Ansehen nur aus vergangener Schönheit zu schöpfen scheint.“[13]

Die Treppenaufgänge rechts und links der Grotte werden von zwei Löwen flankiert, jeweils in Begleitung eines Eichhörnchens, dem Wappentier Fouquets.[14]

   © Thierry Prat

Der jeweils äußere Löwe hält in seinen Pranken ein Füllhorn, Symbol des unter der Herrschaft des Sonnenkönigs verheißenen Wohlstandes. Und in diesem Füllhorn kann man das Eichhörnchen erkennen, das die Früchte des Wohlstandes genießt.

Bei den beiden inneren Löwenskulpturen hält der Löwe zwischen seinen Pranken vorsichtig und schützend ein Eichhörnchen. Der königliche Löwe und das Eichhörnchen sind hier harmonisch vereint: Fouquet war, als er Vaux-le-Vicomte bauen ließ, eine sehr einflussreiche, aber doch auch umstrittene Persönlichkeit. Das von einer Schlange (Colbert) verfolgte Eichhörnchen im cabinet des Jeux des Schlosses veranschaulichte das. Insofern ist die doppelte Darstellung des von dem Löwen beschützten Eichhörnchens auch eine unmissverständliche Botschaft an Ludwig XIV.

Den Abschluss der Wasserspiele bildet die in der zentralen Achse des Garten liegende,  von Zeitgenossen vielbewunderte Garbe[15], die allerdings im 19. Jahrhundert nur unvollständig rekonstruiert wurde.  Auf der Anhöhe dahinter steht eine bronzene Statue des Herkules Farnese. Leicht auf seine Keule gelehnt, ruht er sich von seinen Werken aus. Die kürzlich wieder frisch vergoldete Statue wurde erst 1891 aufgestellt, entspricht aber den ursprünglichen Planungen des Gartens und seiner Skulpturen.[16] „Die Herkulesstatue nimmt die Götterthematik wieder auf, die mit dem Hermengitter des Eingangs in Vaux eingeführt wurde. Sie bildet den Abschluss der Anlage und kennzeichnet damit eine weiteres Mal Vaux-le-Vicomte als einen von den Göttern bewohnten und bewachten Ort.“[17]

Überraschend ist die Perspektive vom Herkules-Hügel auf das Schloss. Es erscheint fast zum Greifen nahe, das ganze Ausmaß des Gartens bleibt im Verborgenen. Wie auch von der Schlossterrasse aus sind wesentliche Teile und Ebenen des Gartens nicht sichtbar, sondern der Besucher entdeckt sie erst nach und nach.  Das Schloss dagegen präsentiert sich besonders imposant: Die Wirtschaftsgebäude scheinen auf gleicher Höhe direkt neben dem Schloss zu liegen. Der Autor des Berichts über das Fest vom 17. August 1661 hebt das besonders hervor: „Ich will diesen Ort nicht verlassen, ohne euch zu sagen, dass sich hier die schönste Perspektive der Welt dargeboten hat; das Schloss ist eines der schönen Gebäude, die man sieht, tatsächlich ist es der Blickfang zusammen mit den beiden Wirtschaftsgebäuden der Nebenhöfe, und diese wirken trotz der ziemlich weiten Entfernung so, als wären sie mit dem Schloss verbunden, um seine Ausdehnung größer erscheinen zu lassen.“[18] Dass auch die Wirtschaftsgebäude architektonisch anspruchsvoll gestaltet sind, erweist sich gerade aus dieser Perspektive als sehr einsichtig.

Hier zeigt sich ein von Le Nôtre für Vaux-le-Vicomte konzipiertes beidseitiges Spiel mit den Perspektiven, das auch und vor allem den Blick von der Schlossterrasse auf den Garten charakterisiert.

Le Nôtre bedient sich dabei illusionistischer Effekte: der Methode der abgeschwächten Perspektive (perspective ralenti): „Le Nôtre manipuliert den Raum, indem er die Flächen und Skulpturen des Gartens unter Beachtung ihrer unterschiedlichen Entfernungen derart dimensioniert, dass sie sich vom Schloss aus in ihrer Größe nicht unterscheiden und somit der Effekt der Fluchtperspektive vermindert wird.“ Der 6 m hohe Herkules-Koloss am Ende des Gartens erscheint vom Schloss aus gesehen eher mannshoch. Und zu den illusionistischen Effekten gehört auch „der fortwährende Wechsel von Verbergen und Enthüllen, der zu einem Kennzeichen des französischen Gartens werden sollte.“[19]

Kurz hinter dem Eingang zum Tuilerien-Garten, den ebenfalls Le Nôtre geplant hat, ist auf der linken Seite seine Büste in die Mauer eingelassen. Da werden die Gärten von Versailles, Chantilly, Saint-Cloud und Meudon als seine herausragenden Kreationen genannt. Vaux-le-Vicomte fehlt, auch wenn es der erste und wegweisende Barockgarten Le Nôtres und Europas war.

Für mich ist das ein Hinweis auf das weitere Schicksal Fouquets und Vaux-le-Vicomtes. Indem dies ausgeblendet wird, fällt kein Schatten auf den „Sonnenkönig“ und sein Schloss. Es steht unangefochten am Anfang…

Das Fest vom 17. August 1661 in Vaux-le-Vicomte und der Fall Fouquets

Der 17. August 1661: Ein Höhepunkt barocker Festkultur

Fouquet ließ es an nichts fehlen, um ein außergewöhnliches Fest für den Besuch des Königs und seines Gefolges zu veranstalten und sich damit als loyaler Diener zu beweisen. Mit der Organisation wurden François Vatel und Charles Le Brun beauftragt: Der Haushofmeister Vatel für die Verköstigung der Gäste, Le Brun für die Dekorationen in Schloss und Garten. Dazu erhielt Molière den Auftrag, ein Bühnenstück für das Fest zu verfassen und aufzuführen; der italienische Maschinist Toricelli war für die Bühnendekoration zuständig und das Feuerwerk.[20] Auch für die musikalische Untermalung musste gesorgt werden. Da das Schloss noch nicht fertiggestellt war, ließ Fouquet Möbel, Tapisserien, Wäsche und silbernes Tafelgeschirr von seinen anderen Besitzungen kommen und kaufte dann noch Fehlendes hinzu. Immerhin gehörten etwa 500 Personen zum Tross des Königs und der Königinmutter, Anne d’Autriche, „die Blüte Frankreichs“, wie es in einem zeitgenössischen Bericht hieß.[21]

Foquet empfängt am 17. August 1661 Ludwig XIV. und sein Gefolge in seinem Schloss[22]

Nachdem sich die von Fontainebleau gekommenen Gäste von der Fahrt in der sommerlichen Hitze erholt hatten, folgten eine Schlossbesichtigung und ein Rundgang bzw. eine Rundfahrt durch den Garten.

Danach begab man sich wieder ins Schloss, wo im zentralen Salon, „groß wie eine Kathedrale“,[23] ein Festmahl die Gäste erwartete: Ein sogenanntes ambigu, bei dem alle Speisen gleichzeitig aufgetragen werden.

Dazu Félibien über seinen Festbericht:  „Ich fand einen sehr guten Platz, an dem man uns Fasane, Ortolane[24], Wachteln, Rebhühner, Bisque[25], Ragouts und andere gute Stücke und reichlich Wein aller Art servierte. Die Tische wurden mehr als fünf oder sechs Mal neu gedeckt, und es gab niemanden, der nicht vollauf zufrieden war.“ Ein Violinkonzert diente als musikalische Untermalung.

Nun ging es wieder in den Garten.  Dort präsentierte Molière auf einer eigens dafür hergerichteten Bühne Les Fâcheux, die er extra für diesen Anlass geschrieben und in drei Tagen einstudiert hatte. Zu Beginn betrat Molière die Bühne, beklagte die kurze Zeit der Vorbereitung und den Mangel an Schauspielern. Nur der König könne mit seinen Zauberkräften hier Abhilfe schaffen. So verwandelten sich auf einen Wink Ludwigs die Statuen und Bäume der Bühnendekoration nach und nach in lebendige Wesen, und das Spiel konnte beginnen.  Es ist die erste Ballettkomödie der Theatergeschichte und der Anfang einer langen Zusammenarbeit Molières mit dem Ballettmeister Pierre Beauchamp.

Nach dem Theater ein weiterer spektakulärer Höhepunkt: Ein grandioses Feuerwerk, bei dem nach zeitgenössischen Berichten mehr als 400 Lilienblüten und 16 große Figuren in den Himmel gezaubert wurden. Heute wird dergleichen am 14. Juli in Paris mit hunderten von Drohnen gemacht, aber offenbar war das schon damals möglich… Und dann erschien, begleitet von Trompetenfanfaren und Trommelwirbeln,  auf dem großen Kanal auch noch „die kunstvoll gestaltete Attrappe eines Wals, der ebenso unzählige Rauchraketen und Feuerwerkskörper entsprangen“, sodass der Eindruck entstand, man befinde sich mitten in einer großen Seeschlacht.

Nachdem die letzten Raketen verglüht waren, machte sich die Festgesellschaft auf den Weg zurück zum Schloss, wurde dabei aber von einem weiteren Feuerwerk begleitet: „Aus dem Kuppelturm des Schlosses schossen Schwärmer und Schlangen in den Himmel und bildeten einen Bogengang, unter dem die Gäste hindurchschritten.“[26]  In dem von Kerzen beleuchteten Schloss gab es dann nochmal einen Imbiss, zu dem „die schönsten und seltensten Früchte“ (Félibien) gereicht wurden. Weit nach Mitternacht verließen dann die Gäste unter Trommelwirbeln das Schloss und fuhren zurück nach Fontainebleau.

Das Fest vom 17. August 1661 war nicht das erste in Vaux-le-Vicomte, und bei königlichen Besuchen anderer Schlösser und hoher Herren gab es auch schon Feste mit ähnlichen Darbietungen wie denen des großen Festes von Vaux. Noch niemals aber waren diese Festelemente in dieser umfassenden Form und in dieser Perfektion präsentiert worden. Alles wetteiferte darin, wie La Fontaine schrieb, den König zu erfreuen. Noch tagelang danach war das Fest Gesprächsthema des Hofes und La Fontaine und Félibien veröffentlichten ausführliche Beschreibungen, die „die Magie des Festes“ weiter verbreiteten.[27]

Die Verhaftung und der politische Prozess gegen Fouquet

Fouquet konnte sich also Hoffnungen machen, mit diesem Fest seine Stellung beim König gefestigt zu haben. Allerdings war dem nicht so, ganz und gar nicht. Schon vor dem Fest war sein Sturz beschlossene Sache. Fouquet hatte also „keine Chance mehr“.[28] Ursprünglich war sogar geplant, die Verhaftung noch in der Nacht des Festes vorzunehmen. Die wurde allerdings dann auf den 5. September verschoben, als der nichtsahnende Fouquet an einer Versammlung in Nantes teilnahm. Da wurde er auf Befehl des Königs von d’Artagnan und seinen Musketieren verhaftet[29], zunächst in das Schloss von Angers und schließlich nach Vincennes gebracht, wo er im Donjon des Schlosses nicht der erste und letzte prominente Gefangene war und blieb…

In der Literatur werden mehrere Gründe für die Verhaftung Fouquets genannt:

  • Der Einfluss Colberts, der alles daran setzte, seinen Konkurrenten beim jungen König verdächtig zu machen.[30]  Colbert hat den Fall seines Rivalen betrieben und die Verhaftung Fouquet bis ins letzte Detail organisiert.[31]   „Colbert tat alles dazu, Fouquet zu diffamieren, um die enormen Geldzuflüsse vergessen zu machen, die er zu Zeiten Mazarins erhalten hatte. Colbert baute sein Ansehen als ehrenwerter Mann, als effizienter Reformator, als hingebungsvoller Minister im Dienste des Staatswohls auf dem Ruin des Ansehens seines Gegners auf.“ [32] Und Colbert war es dann ja auch, der ganz unmittelbar das politische Tribunal gegen Fouquet steuerte.
  • Das Fest vom 16. August 1661 hat sicherlich keine ausschlaggebende Rolle gespielt. Aber sicherlich hat Ludwig XIV. den Glanz von Vaux-le-Vicomte nicht ertragen und gewissermaßen von Fouquet in den Schatten gestellt zu werden.  Immer wieder wird angesprochen, wie der König voller Neid und Zorn das Fest verließ. Auf dem Rückweg nach Fontainebleau soll der seiner Mutter gesagt haben, man müsse diesen Leuten -d.h. Fouquet- an die Gurgel gehen „War es zu Zeiten Mazarins und seiner Regierung durchaus vertretbar gewesen, dem jungen und unerfahrenen König gegenüber die eigenen Führungsqualitäten zu rühmen“ – wie dies mit dem Schlossbau von Vaux-le-Vicomte geschah- „so bedeutete dies nach der Regierungsübernahme eines sich für mündig erklärenden Monarchen einen Affront. Die Wende von 1661 machte die baulichen Investitionen des Finanzministers zu einer Waffe, die sich gegen ihn zu richten drohte.“ (Howald, S. 173)Ludwig, der gerade auf dem Weg zur absoluten Herrschaft war, setzte alles daran, die Erinnerung an Vaux und Fouquet auszulösen. Das Schloss wurde seiner Kunstschätze beraubt, selbst die Orangenbäume aus dem Garten wurden ausgegraben und nach Versailles gebracht, wo Schloss und Garten Vaux übertrumpfen sollten. Dazu übernahm Ludwig das Personal Fouquets: Le Vau, Le Nôtre, Le Brun, La Quintinie, die Vaux geschaffen hatten. Dazu Molière, die nun alle bereitwillig in den Dienst des Sonnenkönigs traten und seinen Ruhm mehrten. Und Ludwig veranstaltete in Versailles grandiose Feste, die die „demütigende  Erinnerung an das Fest von Vau“ auslöschen sollten.  So die Plaisirs de l’Île enchantée, die eine ganze Woche lang vom 6. bis 13. Mai 1664 in den Gärten von Versailles stattfanden.[33]
  • Fouquet eignete sich hervorragend als Sündenbock, und einen Sündenbock konnten Ludwig und Colbert gut gebrauchen. Frankreich war durch lange Kriege belastet, die Staatskassen leer, die Steuerlast hoch. Wie gut, dass man da in Fouquet einen Schuldigen ausmachen konnte. So war es möglich, den bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert in Frankreich lebendigen Mythos eines guten Königs aufrecht zu erhalten und für alle Übel schlechte Ratgeber verantwortlich zu machen.[34] Da lag es nahe, den Reichtum Fouquets als hemmungslose Bereicherung auf Kosten des Staates anzuprangern und ihn für die finanzielle Misere verantwortlich zu machen. Voltaire hatte dazu schon bemerkt, dass man Fouquet wesentlich weniger Vorwürfe machen konnte als dem sich hemmungslos bereichernden Kardinal Mazarin.[35] Dabei war Fouquet derjenige,  „der die bereits zu seinem Amtsantritt schlechte Finanzlage der Krone über das Ende des Spanischen Krieges hinweg und trotz der unaufhörlichen pekuniären Forderungen Mazarins gerettet hatte.“ Und dabei hatte Fouquet auch sein eigenes Vermögen eingesetzt und dabei auch das Schloss von Vaux gegenüber den Gläubigern als Beleg für seine Zahlungskraft verwendet.[36]  
  • Der wohl wichtigste Grund für die Verhaftung Fouquets war aber wohl, dass dieser dem Wunsch Ludwigs im Wege stand, die Alleinherrschaft zu übernehmen. Die Zeugen des Coups vom 5. September 1661 verstanden, dass jetzt das persönliche Regiment Ludwigs XIV. begann.[37] 10 Tage nach der Verhaftung Fouquets schaffte Ludwig das Amt des Finanzministers ab und schuf einen Conseil royal des finances. Und das Amt eines Premierministers, das zu erhalten sich Fouquet nach dem Tod Mazarins Hoffnungen gemacht hatte, wurde selbstverständlich ebenfalls abgeschafft.

Mit Fouquet sollte nach dem Willen Ludwigs XIV. ein im wahrsten Sinne des Wortes kurzer Prozess gemacht werden. Es war ein von oben gesteuerter politischer Prozess, der geradezu zu einem zeitlosen „Archetyp eines politischen Prozesses“ wurde.[38] 

Eigentlich hätte dieser Prozess vor dem Parlament von Paris stattfinden müssen. Stattdessen wurde aber ein Sondertribunal gebildet mit von Colbert und dem König handverlesenen Mitgliedern[39], deren Auftrag es war,  Fouquet zum Tode zu verurteilen. Fouquet wurde in Isolationshaft gehalten; auf Befehl Colberts wurden wichtige Dokumente gefälscht, entlastende Dokumente vernichtet. Zeugen, die zugunsten Fouquets hätten aussagen können, wurden nicht gehört. Um Fouquet keine öffentlichkeitswirksamen Auftritte zu ermöglichen, fanden die Verhandlungen in rein schriftlicher Form statt, „comme à un muet“ in der damaligen Terminologie, also wie mit einem Stummen.  Prozessberichte, die die skandalöse Bereicherung Fouquets belegen sollten, wurden gezielt an die Öffentlichkeit gebracht. Aber Fouquet setzte sich zur Wehr. Er war ja auch ein brillanter Jurist und kämpfte wie ein Löwe: Einzelne Punkte der Anklage zerpflückte er detailliert. Seiner Frau, die immer zu ihm hielt, gelang es, heimlich Verteidigungsschriften ihres Mannes drucken zu lassen und zu verbreiten. Und dann gab es auch noch Freunde, die zu ihm hielten und sich für ihn einsetzten: Zuallererst La Fontaine, der in seiner Elégie aux Nymphes de Vaux vom Mai 1662 das Unglück Fouquets beklagte und, wie dann auch noch in seiner Ode au Roi, versuchte, den König umzustimmen und ihm nahelegte, Milde gegenüber Fouquet walten zu lassen.  Und dann kursierte auch unter der Hand La Fontaines zu seinen Lebzeiten nie veröffentlichte Fabel vom Eichhörnchen (Fouquet) und dem bösen Fuchs, eine unverkennbare Kritik an Fouquets Intimfeind Colbert.[40]

Auch Madame de Sévigné, die mit Fouquet Briefe ausgetauscht und der Fouquet den Hof gemacht hatte, hielt zu ihm. Es traf sich gut, dass ihr Vetter Olivier Lefèvre d’Ormesson von Ludwig XIV. zum Richter und Berichterstatter des Prozesses ernannt wurde. Diese Beziehung nutzte sie und machte sich bei ihm gewissermaßen zur Fürsprecherin der Freunde Fouquets. Sie war auch insofern betroffen, als bei den Durchsuchungen der Güter Fouquets eine Kassette mit intimen Briefen von Damen („poulets“!) gefunden wurde, die der notorische Verführer dort gesammelt hatte. Darunter waren auch Briefe von Madame de Sévigné, die nun die Rache Ludwigs XIV. fürchtete. Der ließ sich sogar diese Briefe vorlegen, überzeugte sich aber davon, dass Madame de Sévigné allen Verführungskünsten Fouquets widerstanden hatte. Vielleicht war er auch von der schriftstellerischen Qualität der Briefe beeindruckt, sodass er Madame Sévigné und ihrer Tochter sogar den königlichen Hof öffnete. Ihre Tochter Françoise durfte sogar mehrfach in Ballettaufführungen mit ihm tanzen, und beide Damen gehörten im Mai 1664 zu en Gästen des prächtigen Festes, mit dem der Park von Versailles  eingeweiht wurde. [41]

Allmählich kam es denn auch zu einer Veränderung interessierter und meinungsbildender Schichten der französischen Bevölkerung. Hatte man zunächst noch mit Bewunderung den „coup de majesté“ des jungen Monarchen begrüßt, so wurde Fouquet im Laufe des Prozesses immer mehr als Opfer gesehen. Und die Verhandlungen zogen sich immer mehr hin. Ganze drei Jahre dauerte der Prozess, vom 14. November 1661 bis zum 20. Dezember 1664.

Am Ende widersetzten sich die Richter mit 13 zu 9 Stimmen den Wünschen ihres Königs und Colberts, die Todesstrafe zu verhängen. Fouquet wurde „lediglich“ dazu verurteilt, Frankreich zu verlassen. Madame de Sévigné jubelte. Sie sei „außer sich vor Freude“: Insgesamt seien 13 Richter dem Votum ihres Vetters gefolgt und hätten gegen die von Ludwig XIV. gewünschte Todesstrafe gestimmt. „Unser armer Freund ist gerettet“, schrieb sie in einem Brief. [42] Aber weder Colbert noch Ludwig mochten sich einen Fouquet in Amsterdam oder London vorstellen. Fouquet hätte dort über beträchtliche Handlungs- und Einflussmöglichkeiten verfügen können.  In einem einzigartigen Akt absoluter Herrschaft kassierte Ludwig das Urteil und verhängte eine lebenslange Haft. Am 16. Juli 1665 wurde Fouquet von d’Artagnan und seinen Musketieren in die Alpen-Festung Pignerol gebracht. Dort blieb er bis zu seinem Tod am 23. März 1680.

    Die Festung Pignerol, in der Fouquet die letzten 26 Jahre seines Lebens verbrachte [43]

Das versiegelte und seiner Kunstschätze beraubte Schloss wird 1673 der Witwe Fouquets zurückgegeben, die es aber verkauft. Das Schloss übersteht die Revolution unbeschadet, verfällt aber nach 1847 in einen 30-jährigen Dornröschenschlaf, weil die Besitzer nicht mehr in der Lage sind, die notwendigen Erhaltungsmaßnamen  zu finanzieren. 1875 wird der Besitz in drei Teile aufgeteilt: Schloss, Garten und Nebengebäude, die versteigert werden sollen. Um eine Aufspaltung zu verhindern, wendet sich der Präfekt des Departements an seinen Freund Alfred Sommier, einen reichen Industriellen und Kunstliebhaber, der den gesamten heruntergekommenen Besitz kauft und Schloss und Park mit erheblichen Geldmitteln restauriert.

Portrait von Alfred Sommier in dem nach ihm benannten Hotel – seinem ehemaligen Stadtpalais in der rue de l’Arcade in Paris

Seit 1877 ist das Schloss nun im Besitz der Familie – es ist das größte monument historique Frankreichs, das sich im Privatbesitz befindet. Von Mäzenen unterstützt wird an der Anlage kontinuierlich weitergearbeitet, um ihr möglichst viel von dem  alten  Glanz wiederzugeben. Dabei ist auch an die Inbetriebnahme weiterer Fontänen gedacht, die es einmal gab… Und die soirées aux chandelles sollen ein wenig den Glanz des großen Festes vom 17. August 1661 erleben lassen.

Praktische Hinweise

Von Paris aus erreicht man das Schloss mit dem Transilien  Linie R nach Melun. (Erste Station des Zuges Richtung Montereau ab Gare de Lyon, 25 Minuten. Als Fahrkarte dient der Pass Navigo.

Ab Bahnhof Melun gibt es einen vorab zu buchenden Shuttle-Bus (Navette).

Fahrplan: https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2025/05/23144944/Navettes-2025-VF.pdf?_gl=1*vlo6fc*_gcl_au*ODk0OTI0NzUxLjE3NDg3MzkxMTY.

Alternative: Taxi oder Uber, was -wenn überhaupt- kaum teurer ist, bei mehr als 2 Personen sogar günstiger und schneller.

Schloss und Park sind vom 15. März bis 3. November täglich von 10-17.30 h geöffnet.

Die Springbrunnen sind nur noch während der soirées chandelles in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit auch Feuerwerk. https://www.tourisme-seine-et-marne.fr/visiter-decouvrir/798844-soirees-chandelles-vaux-vicomte/

Plan des Gartens von Vaux-le-Vicomte. Aus Brix, Der barocke Garten.

Literatur

Alain Baraton, Le Jardinier de Versailles. Grasset 2006, S. 153ff

Vaux-le-Vicomte. Château & jardin. Herausgegeben von der Association Les Amis de Vaux-le-Vicomte 2022

Yves-Marie Bercé (membre de l’Académie des inscriptions et belles lettres), Nicolas Fouquet, le « coup de majesté » de Louis XIV et la fête de Vaux-le-Vicomte du 17 août 1661. In: Canal Académies, Les Podcasts de  l’Institut de France. 14. August 2011  https://www.canalacademies.com/emissions/un-jour-dans-lhistoire/nicolas-fouquet-le-coup-de-majeste-de-louis-xiv-et-la-fete-de-vaux-le-vicomte-du-17-aout-1661

Michael Brix:  Der barocke Garten. Magie und Ursprung – André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte. Stuttgart 2004

André Félibien, Relation des magnificences faites par M. Fouquet à Vaux-le-Vicomte lorsque le Roy y alla, le 17 aoust 1661, et de la somptuosité de ce lieu.  Le Fablier. Revue des Amis de Jean de La Fontaine  Année 1999,  pp. 31-34

Jean de La Fontaine, « Lettre à Maucroix »Relation d’une Fête donnée à Vaux. In: Oeuvres diverses, Paris, Didot, 1729, t. III, p. 296-304. https://moliere21.cnrs.fr/la-fontaine-lettre-a-maucroix/

Bénédictine Garnier und Francoise de La Moureyre, La folle course de Charles Le Brun dans le Grand Salon de Vaux-le-Vicomte. In: Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017 https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

Chantal Grell, En guise d’introduction: Nicolas Fouquet au tribunal de l’histoire. In: Les Années Fouquet: Politique, Société, Vie Artistique et Culturelle dans les années 1650. Münster: LIT 2001

Christine Howald,  Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661. München 2011.

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Éditions Gallimard 2013

Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le Brun au château de Vaux-le-Vicomte. In: Les Années Fouquet. LIT 2000

Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte. Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017  https://doi.org/10.4000/crcv.14617

Marion Müller, Das Schloss als Zeichen des Aufstiegs Die Ausstattung von Vaux-le-Vicomte im Kontext repräsentativer Strategien des neuen Adels im französischen 17. Jahrhundert. Universität Heidelberg 2022 https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/819

Hanno Dampf, Die Entwicklung der Gartenanlagen von der Renaissance zum Barock. Eine Gegenüberstellung der Villa Lante und Vaux-Le-Vicomte.

Schweizer, Stefan: André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin: Wagenbach 2013

Thomas Ster, Andeutungen zur Geschichte der europäischen Gartenkunst. In: Carinthiall 192,  Klagenfurt 2002, S. 261-286


Anmerkungen

[1] Zitat von Mlle de Scudéry und vorausgehendes Zitat aus Howald, S. 129. Siehe dazu auch Brix, Der barocke Garten, S. 52: „Wenn schließlich noch die Eingangstüren an der Hofseite geöffnet waren, konnte man durch das ganze Gebäude hindurch bis zum Ende des Gartens schauen.“

Nachfolgendes Foto:  https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2019/12/10124149/Vaux-le-Vicomte_C_Alejandro_Fernandez_Fotografo_2016_3-1024×683.jpg  

[2] Thomas Ster, Andeutungen zur Geschichte der europäischen Gartenkunst. In: Carinthiall 192,  Klagenfurt 2002, S. 261-286

[3]  Israël Silvestre, Château de Vaux-le-Vicomte, vue et perspective générale des jardins Photo (C) RMN-Grand Palais (musée du Louvre) / Michel Urtado.  S.a. https://www.meisterdrucke.lu/fine-art-prints/Isra%C3%ABl-Silvestre-the-Younger/62558/Vue-en-perspective-du-jardin-de-Vaux-le-Vicomte.html

Silvestre hat eine ganze Serie von Stichen über den Garten von Vaux-le-Vicomte angefertigt. Siehe auch: https://vaux-le-vicomte.com/decouvrir/les-jeux-deau/ 

[4] Howald, S. 125

[5] Den Begriff der tabula rasa verwendet, auf den Garten von Vaux-le-Vicomte bezogen, Thierry Mariage. Zit. bei Brix, S. 161. Entsprechend. Thomas Ster, Andeutungen zur Geschichte der europäischen Gartenkunst. In: Carinthiall 192,  Klagenfurt 2002, S. 261-286

[6] Die Broderien wurden in den 1920-er Jahren rekonstruiert, allerdings nicht in der ursprünglichen Feinheit. Siehe Brix, Der barocke Garten, S. 70f

[7] https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2019/07/01152225/DP-Une-%C5%93uvre-dart-dans-les-jardins-de-Vaux-le-Vicomte.pdf

[8] Nachfolgendes Bild aus: https://vaux-le-vicomte.com/decouvrir/les-jeux-deau/

[9] Brix, Der barocke Garten, S.72

[10] « Le Nôtre a fait en sorte que le promeneur ne puisse jamais anticiper ce qui l’attend » – Patrick Borgeot, chef jardinier de Vaux-le-Vicomte

[11] Zitiert bei Brix, der barocke Garten, S. 60

[12] C’est à Vaux-le-Vicomte que naquit sous la plume de La Fontaine (qui y séjourna quatre ans) Hortésie, la muse des jardins, dans Le Songe de Vaux. Nul mieux qu’elle n’a décrit les effets produits par les eaux de l’Anqueil : « Je donne au liquide cristal Plus de cent formes différentes, Et le mets tantôt en canal, Tantôt en beautés jaillissantes ; On le voit souvent par degrés Tomber à flots précipités ; Sur des glacis je fais qu’il roule, Et qu’il bouillonne en d’autres lieux ; Parfois il dort, parfois il coule, Et toujours il charme les yeux. » https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/jardins/les-jardins-de-vaux-le-vicomte-le-chef-doeuvre-de-le-notre-11136228/

[13] Howald S. 133

[14] Nachfolgenes Bild aus: https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

[15] In seinem Brief an M. Maucroix über das Fest vom 17. August 1661 hebt La Fontaine drei Fontänen besonders hervor: Den Kronenbrunnen, die Kaskade und die Garbe.  Lettre à Maucroix – Molière 21

[16] https://actu.fr/ile-de-france/maincy_77269/patrimoine-pourquoi-y-a-t-il-une-statue-d-hercule-au-chateau-de-vaux-le-vicomte_45532811.html und https://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/maincy-77950/maincy-l-hercule-de-vaux-le-vicomte-brille-a-nouveau-de-mille-feux-25-05-2017-6983391.php

[17] Howald, S. 135/136

[18] Zit. bei Brix, Der barocke Garten, S. 138. Brix hält es offenbar für nicht erwiesen, dass Félibien der Autor des Berichts über das Fest vom 17. August 1661 ist.

[19] Howald, S. 131 

[20] Howald verwendet den Namen Torelli (S.178), Bercé den Namen Toricelli

[21] „la fleur de toute la France“. Muze historique vom 20. August 1661. Zit. von Howald S. 180

[22] Nicolas Fouquet reçoit Louis XIV lors de la somptueuse fête du 17 août 1661 dans son château de Vaux-le-Vicomte. Rue des Archives/©Rue des Archives/RDA Aus: https://www.lefigaro.fr/histoire/2018/02/06/26001-20180206ARTFIG00286-cinq-choses-a-savoir-sur-nicolas-fouquet-nomme-grand-argentier-il-y-a-365-ans.php

[23] https://www.canalacademies.com/emissions/un-jour-dans-lhistoire/nicolas-fouquet-le-coup-de-majeste-de-louis-xiv-et-la-fete-de-vaux-le-vicomte-du-17-aout-1661

[24] „Der Ortolan, ein etwa sperlinggroßer Singvogel, wird gefangen und im Dunkeln oder nach Entfernen seiner Augen etwa 14 Tage lang gemästet. Die Dunkelheit verwirrt den Tag- und Nachtrhythmus des Vogels, sodass er ständig frisst. Er erreicht dann etwa das Dreifache seines ursprünglichen Gewichts. Er wird in Armagnac ertränkt und in einem speziellen kleinen Topf in Fett gegart.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Fettammer

[25] Bisque ist eine pürierte Suppe, die aus Hummern oder anderen Krustentieren gekocht wird.

[26] Beide Zitate: Howald, S. 183/184

[27] https://francearchives.gouv.fr/fr/pages_histoire/39048

[28] Howald, S. 173. Siehe auch https://www.lefigaro.fr/histoire/2018/02/06/26001-20180206ARTFIG00286-cinq-choses-a-savoir-sur-nicolas-fouquet-nomme-grand-argentier-il-y-a-365-ans.php :   „La légende veut que ce soit à la suite de cette fête que le roi, jaloux, décide de la chute du surintendant des finances. Mais c’est faux: l’arrestation de cet encombrant et puissant personnage a été décidée par le roi dès le mois de mai. Jean-Baptiste Colbert qui souhaite la perte de Fouquet, a réussi à convaincre le roi des malversations du surintendant.“

Diese Legende wird auch heute noch verbreitet, sei es aus blanker Unkenntnis, sei es, dass die „schöne“ Legende wider besseres Wissen den historischen Fakten vorgezogen wird. Siehe Gerlinde Kraus, Bedeutende Französinnen. Mühlheim am Main 2006, S. 111: Fouquet „hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, dem König in seinem Schloss Vaux einen allzu prunkvollen Empfang zu geben. Daraufhin ließ der König ihn fallen.“

[29] L’arrestation de Nicolas Fouquet le 5 septembre 1661 à Nantes par d’Artagnan, sur ordre du roi Louis XIV. Rue des Archives/Rue des Archives/Tallandier      

[30] „Colbert, autre ministre célèbre de Louis XIV, concentra tous ses efforts pour que le surintendant des finances devienne suspect aux yeux du roi.“ https://www.justice.gouv.fr/actualites/actualite/proces-nicolas-fouquet

[31]Mémoire de Colbert, Arrestation de Fouquet: Mesures préparatoires https://www.persee.fr/doc/corr_0000-0002_1863_cor_2_1_914_t1_0189_0000_2 

[32] Chantal Grell, Nicolas Fouquet au tribunal de l’histoire S. 1

[33] https://123dok.net/article/fete-aout-dossier-pedagogique-chateau-vaux-vicomte-maincy.yd7544gg#google_vignette

[34] Jean Meyer  (a.a.O.) spricht von einem „mythe quasi constitutionelle de la fidélité du peuple français à leur roi“ (S. 31)

[35] https://leslumeresdeversailles.blogspot.com/2024/01/portrait-de-nicolas-fouquet-par-charles.html

[36] Howald, S. 173

[37] https://www.canalacademies.com/emissions/un-jour-dans-lhistoire/nicolas-fouquet-le-coup-de-majeste-de-louis-xiv-et-la-fete-de-vaux-le-vicomte-du-17-aout-1661

[38] https://www.canalacademies.com/emissions/un-jour-dans-lhistoire/nicolas-fouquet-le-coup-de-majeste-de-louis-xiv-et-la-fete-de-vaux-le-vicomte-du-17-aout-1661

[39] https://www.justice.gouv.fr/actualites/actualite/proces-nicolas-fouquet

[40] Boris Donne, La Fontaine et l’invention des Fables. https://www.persee.fr/doc/lefab_0996-6560_2008_num_19_1_1160

[41] Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704 und: Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Éditions Gallimard 2013, Kapitel: Le songe de Vaux, S. 117

[42] Zum Prozess siehe: https://www.canalacademies.com/emissions/un-jour-dans-lhistoire/nicolas-fouquet-le-coup-de-majeste-de-louis-xiv-et-la-fete-de-vaux-le-vicomte-du-17-aout-1661 und https://www.lefigaro.fr/histoire/2018/02/06/26001-20180206ARTFIG00286-cinq-choses-a-savoir-sur-nicolas-fouquet-nomme-grand-argentier-il-y-a-365-ans.php

Zitat von Mme de Sévigné: Stéphane Maltère a.a.O., S. 144

[43] Abbildung aus:  http://reinedumidi.com/rdm/fouquet.htm

Zuviel Glanz: Das Schloss Vaux-le-Vicomte des Nicolas Fouquet und die Rache des Sonnenkönigs (Teil 1)

Vaux-le-Vicomte, erbaut und gestaltet von dem genialen Dreigestirn Le Vau, dem Architekten, Le Brun, dem Maler, und Le Nôtre, dem Gartenarchitekten, lädt ein zu Superlativen: Das Schloss wird gerne als „Wunder der Architektur“ oder Gipfelpunkt der französischen Architektur und Kunst bezeichnet, es „gilt heute als eines der ersten und zugleich glänzendsten architektonischen Gesamtkunstwerke“ des „Grand Siècle“, also des französischen 17. Jahrhunderts. [1] Der dazugehörende Park wurde kürzlich von der New York Times ausgewählt, zu den 25 schönsten der ganzen Welt zu gehören. Im Barock wurde Frankreich „zum führenden Gartenland Europas“. Das Modell des Barockgartens à la française entstand in Vaux-le-Vicomte „und wurde dann in zweiter Generation in Versailles zum Modell des gesellschaftlichen Absolutismus umgewidmet. Das Modell wurde in ganz Europa kopiert, das ästhetische wie das politische.“ [2]

Schloss und Garten faszinieren aber auch wegen der Geschichte ihres Bauherren, Nicolas Fouquet. Der war 1661, nach den legendären Worten Voltaires  („Le Siècle de Louis XIV“) „am 17. August um 6 Uhr abends König von Frankreich, um 2 Uhr morgens war er nichts mehr.“[3] An diesem Tag veranstaltete Fouquet für seinen König, den jungen Ludwig XIV., und eine große Hofgesellschaft ein grandioses Fest auf seinem Schloss, das, wie gerne kolportiert wird, der Grund für seinen Absturz gewesen sein soll. Eine tragisch-schöne, aber nicht ganz zutreffende Geschichte.

Ich möchte nachfolgend in zwei Teilen mit jeweils zwei Abschnitten Nicolas Fouquet und Vaux-le-Vicomte vorstellen:

Teil 1:

  • Quo non ascendet – Nicolas Fouquets fulminanter Aufstieg zu den Gipfeln der Macht
  • Das Schloss von Vaux-le-Vicomte, das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Teil 2:

  • Vaux-le-Vicomte: Der erste Barockgarten Frankreichs
  • Das Fest vom 17. August 1661 und der Absturz Fouquets

Quo non ascendet: Nicolas Fouquets Aufstieg zu den Gipfeln der Macht

Nicolas Fouquet stammte aus einer Familie in Angers, die ihr Vermögen im Tuchhandel machte.  Der erste bekannte Vorfahre, Jehan Fouquet, hatte sich Ende des 15. Jahrhunderts als Tuchmacher in der Nähe von Angers niedergelassen. Dieser Herkunft verdankt die Familie auch als Wappentier das Eichhörnchen. Denn dessen Name im lokalen Dialekt ist Fouquet. Außen am und innen im Schloss finden sich deshalb auch immer wieder Darstellungen des Eichhörnchens. Am eindrucksvollsten vielleicht auf diesem Renommée genannten Wandteppich:

Die beiden Füllhörner weisen auf den Wohlstand der Familie hin und vor allem natürlich auf den von Nicolas, für den dieser Wandteppich angefertigt wurde.  Über der Kartusche mit dem Eichhörnchen halten zwei Putten eine Krone: Natürlich bedeutet das nicht, dass sich das Eichhörnchen/Nicolas Fouquet königlichen Rang anmaßt, aber hoch hinaus wollte Nicolas Fouquet durchaus – und das Eichhörnchen ist ja auch in der Lage, flink in die höchsten Spitzen der Bäume zu klettern.  Dazu passt auch der familiäre Wahlspruch: Quo non ascendet- Wie weit wird er noch steigen…[4]  

Robert Nanteuil, Portrait von Nicolas Fouquet mit dem Eichhörnchen im Familienwappen. 1661[5]

Nicolas Fouquet wird sehr weit und sehr hoch steigen. Hatte die Familie schon in nur drei Generationen den Aufstieg von provinziellen Händlern zu Mitarbeitern der politischen Elite in Paris erreicht, so setzte der 1615 geborene Nicolas nach einer Schulzeit bei den Jesuiten und einem juristischen Studium an der Sorbonne den Aufstieg mit einer dem Eichhörnchen würdigen Behändigkeit fort. Dabei half ihm seine königstreue Haltung in den Zeiten der Fronde, des Adelsaufstands gegen das Könighaus und dessen ersten Vertreter, den Kardinal Mazarin. Als Dank wurde Fouquet 1653 zum surintendant des finances ernannt. Er war also Finanzminister und damit nach dem Premierminister Mazarin  einer der wichtigsten Männer des Königreichs. Fouquet konnte sich Hoffnungen machen, einmal dessen Nachfolge anzutreten.

Die Finanzen Frankreichs waren damals zerrüttet, der Krieg gegen Spanien verschlang enorme Gelder, die der Staat nicht hatte, und auch Mazarin hatte große Ansprüche, deren Erfüllung zu Fouquets Aufgaben gehörte. Der bankrotte Staat war aber nicht mehr in der Lage, die bei privaten Bankiers aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Um das Vertrauen der Gläubiger zurückzugewinnen, setzte Fouquet sogar sein eigenes Vermögen ein, teils zur direkten Finanzierung von Kriegskosten, teils in Form von Bürgschaften. Dabei kam er aber selbst nicht zu kurz. Sein Reichtum wuchs immer mehr an, begünstigt auch durch erfolgreiche spekulative Geldgeschäfte und zwei Heiraten mit großer Mitgift.

Charles Le Brun, Portrait von Nicolas Fouquet (um 1661, Vaux-le-Vicomte) [6]

Seinen Reichtum nutzte Fouquet auch, sich einen Kreis von ihm ergebenen Klienten zu schaffen und um als Mäzen sein Ansehen zu vermehren. Eine große Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern wurde von ihm gefördert, darunter Mme de Sévigné, Scarron, Perrault, Mlle de Scudéry, Corneille, Molière:  ein künstlerischer und  intellektueller Hofstaat, für den er viel Geld ausgab.

            Kabinett von Jean de la Fontaine in Vaux-le-Vicomte

Auch La Fontaine gehörte zu diesem Kreis. Er hatte ein besonders enges Verhältnis zu Fouquet, wohnte drei Jahre in Vaux-le-Vicomte und erhielt eine Pension, wofür er lediglich alle drei Monate ein Gedicht abliefern musste.

                             Büste Jean de la Fontaines von Houdon in seinem Cabinet in Vaux-le-Vicomte[7]

Dieser Kreis förderte das Ansehen Fouquets als Mäzen und Freund der Musen und verbreitete schon während der Bauarbeiten den Ruf von der Außerordentlichkeit seines Schlosses. La Fontaine verfasste eine Beschreibung des entstehenden Schlosses, Le songe de Vaux, die allerdings unvollendet blieb. [8] Madeleine de Scudery rühmte in ihrem 1660 publizierten Roman Clélie, in dem -wenn auch unter römischem Pseudonym- Fouquet auftritt, Schloss und Garten: Das was man da sehe, sei ein Meisterwerk, das Kunst und Natur verbinde.[9] Und André Félibien veröffentlichte ebenfalls schon 1660 eine intensive und kenntnisreiche Éloge de Vaux, de Foucquet et de Le Brun.[10]

Allerdings gab es gegen Fouquet auch zunehmenden Widerstand. Der wurde vor allem genährt von Colbert, der in Fouquet einen unliebsamen Konkurrenten sah, gegen den er nach Kräften bei Mazarin intrigierte. Fouquet reagierte darauf mit seinem Schlossprojekt von Vaux-le-Vicomte: Es sollte seinen Bauherrn ins beste Licht rücken, seine herausragenden Qualitäten zu Schau stellen, aber auch seine enge Bindung an das Könighaus und den jungen Monarchen. Vaux-le-Vicomte lag zwischen Paris und Fontainebleau, wo sich Ludwig XIV. gerne aufhielt. Ihm sollte das Schloss ein prachtvoller, der Muße und den Musen gewidmeter Aufenthaltsort fernab des höfischen Zeremoniells sein und dem Bauherrn die königliche Gunst sichern.

1641 hatte Fouquet die Vicomté de Vaux gekauft, die er bis 1656 durch Zukäufe erheblich erweiterte, bis er schließlich über mehr als 400 h zusammenhängenden Landes verfügte, die als Baugrund zur Verfügung standen. Es gab auch schon vorbereitende Arbeiten für einen Nutzgarten und erste Planungen eines lokalen Architekten für Garten und Schloss. 1655/56 allerdings engagierte Fouquet für das Schlossprojekt drei sehr bekannte und angesehen Künstler, die auch schon für das Könighaus gearbeitet hatten: den Architekten Louis Le Vau, den Maler Charles Le Brun und den Gartenarchitekten André Le Nôtre. [11]

Louis Le Vau war kurz vorher zum premier architecte du roi ernannt worden und hatte sich schon durch zahlreiche Bauten ausgezeichnet, u.a. das hôtel Lambert auf der Île Saint Louis, dessen galerie d’Hercule der Vorläufer des Spiegelsaals von Versailles ist.

Charles le Brun stand seit 1638 in den Diensten Ludwigs XIII. Als Fouquet ihn für Vaux-le-Vicomte engagierte, galt er als der bedeutendste Innenraumdekorateur Frankreichs. In Vaux-le-Vicomte sollte er für die gesamte Inneneinrichtung und die skulpturale Ausgestaltung des Gartens zuständig sein.

Der Dritte im Bunde, André Le Nôtre, steht für die Einführung eines neuen Gartentyps in Frankreich, des jardin à la française. Sein Plan für die Anlage von Vaux gilt als der erste in Gänze erhaltene Plan eines französischen Gartens überhaupt.

Dieses Künstlertrio arbeitete in Vaux-le-Vicomte eng zusammen, wie das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Architektur, künstlerischer Ausgestaltung und Gartenplanung zeigt. So entstand hier „ein in allen seinen Teilen aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk“.[12]

Das „erste Versailles“: Prachtbau und Propaganda

Man hat das Schloss von Vaux-le-Vicomte als „das erste Versailles“ bezeichnet: Ein grandioses Gesamtkunstwerk, entstanden zu einer Zeit, als Versailles noch ein kleines unbedeutendes Schloss unter vielen anderen war.

Der von Melun kommende Besucher sieht zuerst nicht das Schloss, sondern das die Anlage begrenzende Gitter, das mit doppelseitigen Hermen geschmückt ist. Es sind Darstellungen antiker Götter.  „Die Hermen kennzeichnen Vaux noch vor dem Betreten der Anlage als einen besonderen, von göttlichen Kräften gesegneten Ort.“[13]

Zu den Göttern gehört auch der Sonnengott Apoll, der Gott des Sonnenkönigs: Ludwig verglich sich ja seit seinen Ballettauftritten von 1651 und 1659 mit Apoll, der allgemein als Symbol des Königs galt. So wird schon hier der Segen des Schlosses und seines Schlossherrn durch Ludwig XIV. beschworen.

Vom Hermengitter aus blickt der Besucher auf die Hofseite des Schlosses. Und was heute ganz normal erscheint, war damals absolut modern: Das Gebäude war nämlich nicht in der damals charakteristischen Mischung von behauenen Steinblöcken und roten Ziegeln erbaut, im sogenannten Louis XIII- Stil also, sondern nur noch aus behauenem Stein, wie es sich dann auch allgemein durchgesetzt hat.  

Die Wirtschaftsgebäude rechts und links des Vorhofs sind dagegen traditionell mit brique und pierre errichtet und heben damit das aus hellem Stein erbaute Schloss in seiner Neuheit und Einzigartigkeit hervor.[14]

An ihrem nördlichen und südlichen Ende sind Triumphbögen gebaut, „die den Vorplatz architektonisch erhöhen“ und „den königlichen Einzug in das Schloss flankieren“ sollten.[15]

Der Einzug des Königs wird dann in der Konzeption des Schlosses entsprechend großartig inszeniert: Das Schloss ist gegenüber dem Vorhof und den Wirtschaftsgebäuden deutlich erhöht, was ihm, wie Mlle de Scudéry schreibt, „une grande Majesté“ verleiht.[16] Und der Eingang wird noch einmal betont durch einen mächtigen, vor die Fassade gesetzten Triumphbogen. Über seinen mächtigen Säulen verläuft ein Triglyphenfries mit mehreren Wappen-Eichhörnchen in den Metopen.[17] Und über dem Tympanon, in dem ursprünglich in der Mitte natürlich das Wappen Fouquets enthalten war, thronen zwei Götterfiguren: Rea, die Erdengöttin und Mutter aller Götter, und -wie könnte es anders sein- Apollo mit seiner Lyra.

Der auf die römische Antike verweisende Triumphbogen und die Fassade sind geschmückt mit Medaillons antiker Persönlichkeiten und mit Büsten antiker Herrscher. Die finden sich dann auch reichlich im Innern des Schlosses.

Büste Caesars aus dem Salon (Ausschnitt)

„Mit den Antikendarstellungen reiht sich Fouquet nicht nur in die architektonische Tradition seiner Zeit und seines Standes ein, er beansprucht zugleich die antiken Herrschertugenden und Weisheiten zur Glorifizierung seines neuen Besitzes.“[18]

Wenn man durch den Triumphbogen hindurchgeht und das Schloss betritt, gelangt man in den Salon, den großen, ovalen, über zwei Stockwerke sich erstreckenden Kuppel-überwölbten Empfangsraum des Schlosses.[19]

© Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte

Die Größe dieses Raumes beruht darauf, dass hier keine große Treppenanlage in die bel étage, also das Obergeschoss, existiert. Le Vau hat nämlich, begünstigt durch die erhöhte Lage des Schlosses, die bel étage in das Erdgeschoss verlegt. Schon beim ersten Blick auf das Schloss lässt sich das unschwer erkennen: Die Fenster des Erdgeschosses sind die einer bel étage, die Fenster des Obergeschosses dagegen deutlich kleiner, was auch den unterschiedlichen Geschosshöhen entspricht. Um die Privaträume Fouquets und die seiner Frau im Obergeschoss zu erreichen, genügen kleine, unauffällige Treppen im Vestibül.

Le Vau: Grundriss des Erdgeschosses von Vaux-le-Vicomte[20]

Die Innendekoration des Raums konnte Le Brun wegen der Verhaftung Fouquets nicht vollenden. Es gibt aber einen damals schon berühmten Entwurf für das zentrale Gemälde in der Kuppel: Im Zentrum die Sonne (Ludwig XIV.), die ein Eichhörnchen (Fouquet) in den Götterhimmel erhebt. Umgeben wird die Szene von der Darstellung der vier Jahreszeiten, der Monate, Tage und Wochen. So wird Nicolas Fouquet „zum ewigen Helden.“[21] Dazu passen auch die 12 Sternzeichen-Skulpturen auf der Höhe der ersten Etage, die dem Bildhauer François Girardon zugeschrieben werden. Auch wenn die Ausmalung der Kuppel nur angedeutet ist: Es ist insgesamt ein grandioser Raum, dessen Schönheit gerade wegen seiner „Nacktheit“ besonders deutlich wird.[22]

Auch andere Räume des Schlosses, vor allem die Privaträume im Obergeschoss, blieben unvollendet. Und nach der Verhaftung von Fouquet wurde ein großer Teil der kostbaren Einrichtung von Ludwig XIV. konfisziert, anderes versteigert.  Vieles wurde aber nach dem Kauf des heruntergekommenen Schlosses 1875 durch die Industriellenfamilie Sommier im alten Stil ergänzt. So besitzt Vaux-le-Vicomte heute „die für seine Zeit umfangreichste und einheitlichste Innendekoration in Frankreich, obwohl sie nie vollendet wurde.“[23]

Dazu gehörten auch kostbare Wandteppiche, die Fouquet zum Teil sogar in der eigens von ihm gegründeten Manufaktur von Maincy herstellen ließ. Von Ludwig XIV. konfisziert, wurden sie zum Teil während der Französischen Revolution wegen der in ihnen enthaltenen kostbaren Goldfäden zerstört, aber wieder ersetzt. Hier zwei Kommoden im sog. Mazarine-Stil von André-Charles Boulle. Boulle war einer der großen Kunsttischler des Faubourg Saint-Antoine und gilt als Erfinder der Kommode.

         Ein aus Ebenholz gefertigter Mazarine-Schreibtisch von Boulle im Antichambre du Roi

Dies ist eine von fünf kleinen Bronze- Versionen der großen Reiterstatue Ludwigs XIV., die François Girardin (1628-1715) für den Platz Louis-le-Grand (heute place Vendôme) angefertigt hat.

Nicolas Fouquet hatte sein Schloss natürlich auch mit einer Vielzahl von Gemälden ausgestattet. In den für ihn bestimmten Räumen hing damals auch ein Gemälde des niederländischen Malers Lambert Sustris.  Es zeigt Venus, zusammen mit einem geflügelten Amor, die ihren herbeieilenden Geliebten, den Kriegsgott Mars, erwartet und in freudiger Erwartung die beiden kopulierenden Tauben streichelt. [24]

Lambert Sustris, Venus und Cupido.

Das Bild hat eine abenteuerliche Geschichte: Sustris malte es in Augsburg, wo er zahlreiche Kunden hatte, darunter die Familie Fugger. Nach dem Bankrott eines Zweigs der Familie kaufte ein Pariser Kunsthändler das Bild, und dann war es Nicolas Fouquet, der es für sein neues Schloss erwarb. Nach dem Sturz Fouquets wurde das Bild konfisziert und Teil der Gemäldesammlung Ludwigs XIV. Heute ist das Original im Louvre ausgestellt, und zwar im Saal der Mona Lisa![25] In Vaux-le-Vicomte ist eine Kopie zu sehen.

Das künstlerisch und politisch bedeutendste Element der Innendekoration waren sicherlich die Deckengemälde Le Bruns. Zunächst arbeitete er an denen in dem Appartement des Hausherrn, das aus drei Räumen besteht: dem Vorzimmer (antichambre, Salon d’Hercule), dem Zimmer (chambre/Salon des Muses) und dem Kabinett (cabinet des jeux). In ihren Deckengemälden wird der Hausherr und Auftraggeber gefeiert, und es werden die Gründe für Fouquets im Salon dargestellte Aufnahme in den Götterhimmel im Einzelnen illustriert. Aber Le Brun feiert sich hier auch selbst: Er demonstriert seine große Kunstfertigkeit als Innendekorateur im Allgemeinen und Maler im Besonderen und empfiehlt sich damit für weitere und noch höhere Aufgaben, die ja dann auch nicht lange auf sich warten ließen..

Möglich wurden die allgemein Aufsehen erregenden Deckengemälde Le Bruns durch eine neue Deckenkonstruktion. Bisher dominierten in den französischen Schlössern und Stadtpalästen die Decken à la française mit Eichenholzbalken.[26]

                                     Eichenholzdecke à la française im hôtel Sully in Paris

Die Balken waren zwar bemalt, ermöglichten aber keine großflächigen Deckengemälde.  Das änderte sich im 17. Jahrhundert unter italienischem Einfluss.  Vaux-le-Vicomte ist dafür ein prominentes Beispiel.[27]  Die entsprechenden Decken hatten jetzt in der Mitte eine große freie Fläche für ein zentrales Gemälde und waren an den Rändern leicht gewölbt, was Raum bot für kleinere, das zentrale Thema vertiefende Gemälde und Stuckelemente.

Im Vorzimmer Fouquets, dem salon d’Hercule, steht natürlich Herkules im Mittelpunkt des Deckengemäldes. Er fährt hier mit einem Wagen in den Himmel, auf dessen oberem Wagenrand die Devise Fouquets eingezeichnet ist. Félibien hat in seinem Bericht über Vaux-le-Vicomte die Notwendigkeit betont, dass die von der Architektur und der Dekoration vermittelte Botschaft auf den ersten Blick verstanden werden müsse.[28] Das scheint hier der Fall zu sein, indem die Geschichte des Herkules mit der Fouquets verknüpft ist. Und für Félibien war klar, dass hier -passend zu dem Deckengemälde des Salons- Fouquet in der Gestalt des Herkules dargestellt ist. Man könnte aber auch den König in der Person des Herkules vermuten. Der Wagen wäre in dieser Interpretation ein Symbol für Nicolas Fouquet und seine Loyalität gegenüber der Krone. „Er trägt den Herrscher und unterstützt ihn bei seinen Taten.“[29]

© Christian Gluckman

Das wohl bedeutendste der von Le Brun fertiggestellten Deckengemälde im Schloss ist das im Chambre des Muses. Dieser Raum hatte insgesamt eine besonders wertvolle Ausstattung und wurde schon vor Fertigstellung des Schlosses für herausragende Anlässe genutzt. [30]

Zentrum des zentralen Gemäldes ist die weiß gekleidete Allegorie der Treue. Emporgehoben wird sie von der Geschichtsmuse Clio,  die die Devise Fouquets -Quo non ascendet- zum Himmel trägt. Begleitet wird sie von den Allegorien der Vorsicht und der Treue – ein deutlicher Hinweis auf Fouquets königstreue Haltung zu Zeiten der Fronde. Mit dabei sind auch Minerva, geflügelt und mit Speer, die Verkörperung der Vernunft,  und, oben im Bild, auch Apoll. Er vertreibt die Feinde und Ungeheuer, die den treuen Fouquet bedrohen.[31]

Charles le Brun, Le sommeil (Cabinet des jeux)

Das kleine Cabinet de jeux ist „der intimste und fröhlichste Raum im Erdgeschoss.“[32] Im Mittelpunkt ein weiteres Meisterwerk von Le Brun, eine auf Wolken ruhende, Mohnblüten streuende Allegorie des Schlafs, umgeben von Blumen, Amouren und Eichhörnchen.   La Fontaine beendet in Songe de Vaux den diesem Salon gewidmeten Abschnitt mit den Worten: „Qu’elle est belle à mes yeux cette Nuit endormie“.[33]

Zum Schluss des Rundgangs noch ein Blick auf die Decke des chambre du Roi auf der anderen Seite des Schlosses. Hier zeigt Le Brun seine Meisterschaft nicht nur als Maler, sondern  als Innendekorateur: Die Stuckarbeiten sind von höchstem Raffinement, an Gold wird nicht gespart.[34] Fouquet drückt so seine Ehrerbietung aus und bietet sich als treuer Diener seines Herrn an.

Das zentrale Deckengemälde enthält aber auch eine Mahnung an den König: Dargestellt ist die Wahrheit, die von einer Allegorie der Zeit in den Himmel gehoben wird: Und Wahrheit bedeutet hier natürlich, dass der König nicht denen Glauben schenken soll, die Fouquet verleumden, sondern  er soll die Wahrheit, die Treue und Rechtschaffenheit Fouquets erkennen.

Ein konkreter Hinweis auf den Urheber von Verleumdungen ist eine Szene in der Deckenwölbung des Cabinet des jeux: Da wird ein Eichhörnchen, also Fouquet, von einer Natter verfolgt.[35] Und die ist das Wappentier Colberts, der dann ja wesentlichen Anteil an dem Fall seines Konkurrenten hatte….

Man sollte bei einem Besuch von Vaux-le-Vicomte nicht versäumen, auch in den Keller hinabzusteigen, in dem die Küche untergebracht war.

Küchenchef Fouquets in Vaux-le-Vicomte war François Vatel, dessen Schicksal von zwei großen und für ihn höchst fatalen Festen geprägt war: Dem legendären Fest vom 17. August 1661, von dem noch die Rede sein wird. Da Vatel nicht wusste, dass Ludwig XIV. das gesamte Personal Fouquets für sich requirierte, floh er nach England. Schließlich trat er in die Dienste des großen Condé, des Schlossherrn von Chantilly. Dort organisierte Vatel die Bewirtung des königlichen Hofes für das spektakuläre und ebenso legendäre Fest vom 23.-25. April 1671. Weil da die von ihm bestellten Fische nicht rechtzeitig eintrafen, sah er seine Ehre verletzt und verübte Selbstmord.

Und zum Abschluss des Schlossrundgangs sollte man hoch in die Kuppel steigen.

Dort kann man das noch das im ursprünglichen  Zustand erhaltene Gebälk aus Eichenholz bewundern und das ganze Anwesen überblicken: Die Wirtschaftsgebäude….

… und den Garten.

Der Garten wird dann Gegenstand des zweiten Teils dieses Beitrags über Fouquet und Vaux-le-Vicomte sein.  Abgeschlossen wird der dann mit einer Darstellung des großen Fests vom 17. August 1661 und der Umstände und Gründe von Fouquets tiefem Fall.

Literatur:

Alain Baraton, Le Jardinier de Versailles. Grasset 2006, S. 153ff

Vaux-le-Vicomte. Château & jardin. Herausgegeben von der Association Les Amis de Vaux-le-Vicomte 2022

Michael BrixDer barocke Garten. Magie und Ursprung – André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte. Stuttgart 2004

Bénédictine Garnier und Francoise de La Moureyre, La folle course de Charles Le Brun dans le Grand Salon de Vaux-le-Vicomte. In: Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017 https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

Christine Howald: Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661. München 2011.

Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le Brun au château de Vaux-le-Vicomte. In: Les Années Fouquet. LIT 2000

Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte. Bulletin du Centre de Recherche du Château de Versailles 14/2017  https://doi.org/10.4000/crcv.14617

Marion Müller, Das Schloss als Zeichen des Aufstiegs Die Ausstattung von Vaux-le-Vicomte im Kontext repräsentativer Strategien des neuen Adels im französischen 17. Jahrhundert. Universität Heidelberg 2022 https://heiup.uni-heidelberg.de/catalog/book/819

Hanno Dampf, Die Entwicklung der Gartenanlagen von der Renaissance zum Barock. Eine Gegenüberstellung der Villa Lante und Vaux-Le-Vicomte.

Schweizer, Stefan: André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst, Berlin: Wagenbach 2013

Praktische Hinweise

Von Paris aus erreicht man das Schloss mit dem Transilien  Linie R nach Melun. (Erste Station des Zuges Richtung Montereau ab Gare de Lyon, 25 Minuten. Als Fahrkarte dient der Pass Navigo.

Ab Bahnhof Melun gibt es einen vorab zu buchenden Shuttle-Bus (Navette).

Fahrplan: https://media.vaux-le-vicomte.com/wp-content/uploads/2025/05/23144944/Navettes-2025-VF.pdf?_gl=1*vlo6fc*_gcl_au*ODk0OTI0NzUxLjE3NDg3MzkxMTY.

Alternative: Taxi oder Uber, was -wenn überhaupt- kaum teurer ist, bei mehr als 2 Personen sogar günstiger und schneller.

Schloss und Park sind vom 15. März bis 3. November täglich von 10-17.30 h geöffnet.

Die Springbrunnen sind nur noch während der soirées chandelles in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit auch Feuerwerk. https://www.tourisme-seine-et-marne.fr/visiter-decouvrir/798844-soirees-chandelles-vaux-vicomte/


Anmerkungen

[1] Hohwald, Der Fall Nicolas Fouquet, S. 80. Siehe z.B. auch: https://savingcastles.com/fr/chateau-de-vaux-le-vicomte-splendeur-baroque-francaise/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders bezeichnet, von Wolf Jöckel

20 Minuten Lesezeit

[2] https://www.ouest-france.fr/tourisme/ces-quatre-jardins-francais-font-partie-des-plus-beaux-du-monde-et-vous-pouvez-les-visiter-5c950402-36e4-11f0-bb9d-ae310489ba72

[3] « Le 17 août, à 6 heures du soir, Fouquet était le roi de France ; à 2 heures du matin, il n’était plus rien. »  https://fr.anecdotrip.com/vaux-le-vicomte-17-aout-1661-la-fete-qui-a-coute-sa-liberte-a-nicolas-fouquet-par-vinaigrette

[4] Zum Aufstieg von Nicolas Fouquet siehe: Quo Non Ascendet?. In: Christine Howald, Der Fall Nicolas Fouquet: Mäzenatentum als Mittel politischer Selbstdarstellung 1653–1661, S. 11-35  

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Robert_Nanteuil#/media/Fichier:0_Nicolas_Fouquet_-_Vaux-le-Vicomte_(2).JPG

[6] Zur Bedeutung der Szene im Hintergrund Mitte/rechts habe ich keine Informationen gefunden. Für entsprechende Hinweise wäre ich dankbar. Ich hatte dazu übrigens mal interessehalber bei Meta AI nachgefragt und da die Auskunft erhalten, „die Szene werde oft als Symbol für Macht und Reichtum interpretiert.“ Bei genauerer Nachfrage kam dann die kleinlaute Antwort: „Ich habe mich zu weit aus dem Fenster gelehnt!“

[7] Eine bedeutende Sammlung von Houdon-Büsten, darunter auch der von Jean de la Fontaine, gibt es auch in Schloss Ludwigslust. Siehe den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2024/10/13/fast-wie-gott-in-frankreich-ludwigslust-das-versailles-des-nordens/

[8]  https://gallica.bnf.fr/essentiels/fontaine/fouquet-brillant-protecteur s.a. https://www.pariscityvision.com/fr/paris/environs/vaux-le-vicomte/la-fontaine-fouquet

Zur Rolle Fouquets als Mäzen und der Bedeutung der Dichter und Schriftsteller für Vauix-le-Vicomte siehe im Einzelnen das Kapitel „Vaux-le-Vicomte und die Dichter“ bei Howald, S. 158ff

[9] https://www.tectona.net/fr_fr/pour-toujours-vaux-le-vicomte.html

[10] https://www.persee.fr/doc/lefab_0996-6560_1999_num_11_1_1030 

[11] Siehe dazu Howald, S. 80f

[12] Howald, S. 91

[13] Howald, S. 91

[14] Bild aus: https://www.all-free-photos.com/show/showphoto.php?idph=PI79914&lang=de  

[15] Howald, S. 84   Nachfolgendes Bild aus: https://www.moretimetotravel.com/wp-content/uploads/2014/10/4-scaled.jpeg

[16] Zit. Howald, S. 94

[17] Einen solchen Fries gibt es auch auf der Gartenseite des Schlosses.

[18] Howald, S. 99

[19] © Yann Priou / Collection du château de Vaux-le-Vicomte https://journals.openedition.org/crcv/14530?lang=en

[20] „Vaux-le-Vicomte.“ Wikipedia. Wikimedia Foundation, 09 Oct. 2014. Web. 21 Sept. 2014.

[21] Howald, S. 107

[22] Vaux-le-Vicomte, Châteu et jardin, S. 28

[23] Howald, S. 102

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Lambert_Sustris#/media/Datei:Lambert_Sustris_-_Venus_and_Love_-_Louvre.jpg

[25] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010061294

[26] Alexandre Gady, Poutres et solives peintes. Le plafond à la française. Revue de l’Art 122,1998, S9-20.

[27] Siehe Alain Mérot, Temple des Muses, Palais du Soleil: les plafonds peints par Charles Le  Brun auf château de Vaux-le-Vicomte.

[28]  https://journals.openedition.org/crcv/14617 Anm.35

[29] Howald, S. 125

[30] Im Einzelnen dazu:  Marion Müller, Représentation politique et ambition artistique. Le décor de Charles Le Brun pour la chambre des Muses au château de Vaux-le-Vicomte.  https://journals.openedition.org/crcv/14617 oder https://doi.org/10.4000/crcv.14617

[31] Howald, S. 125 und https://journals.openedition.org/crcv/14617

[32] http://www.noblesseetroyautes.com/vaux-le-vicomte-ou-livresse-des-sommets/

[33] http://pimousse.vaux.free.fr/vauxlevicomte/jeux.html

[34] Nachfolgendes Bild aus: . https://onlybyland.com/visit-vaux-le-vicomte/

[35] Howald S. 112/114

Bild des Monats Februar 2026: Das Grab von Antoine-Augustin Parmentier auf dem Père Lachaise

Der Dank für die Pommes Frites gilt Antoine-Augustin Parmentier (1737 – 1813), einem französischen Pharmazeuten und Agronom, der auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet ist. Sein Grab wird gerne von Kartoffel-Freunden und -Freundinnen geschmückt.

Denn Parmentier hatte wesentlichen Anteil daran, die Kartoffel in Frankreich, dem klassischen Land des Getreideanbaus, zu verbreiten. Ein wesentlicher Anstoß dazu waren sicherlich die im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Hungersnöte, vor allem die „grande famine“ von 1709, der ca 600 000 Menschen zum Opfer fielen. Sicherung und Verbreiterung der Nahrungsmittelversorgung waren eine existentielle Notwendigkeit. Dass dabei die Kartoffel eine wichtige Rolle spielen kann, erfuhr Parmentier in Theorie und dann sogar am eigenen Leibe in Deutschland. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er, damals als Apotheker im Dienst der französischen Armee, nämlich längere Zeit in Deutschland. In Frankfurt am Main hatte er Kontakt zu dem Naturforscher Christian Friedrich Meyer, der ihm sogar seine Tochter zur Frau geben wollte, sofern er sich hier niederlassen würde. Parmentier kehrte jedoch nach Frankreich zurück. Erneut in Deutschland, lernte er dann als Kriegsgefangener in Westfalen den Kartoffelanbau auch in der Praxis kennen. Den hatte Friedrich der Große mit Hilfe seiner „Kartoffelbefehle“ schon seit 1746 in Preußen durchgesetzt. Über seine entsprechenden Erfahrungen als Kriegsgefangener schrieb Parmentier: „Während mehr als 14 Tagen waren Kartoffeln meine einzige Ernährung, aber ich fühlte mich dabei nicht ermüdet und nicht unwohl“.

Parmentier überzeugte sich von dem Potential der Kartoffel und gewann 1771 mit ihr den Preis der Akademie zu Besançon zur Untersuchung von Nahrungspflanzen, die in Zeiten einer Hungersnot genutzt werden könnten. Zur allgemeinen Akzeptanz der Kartoffel war es aber noch ein beschwerlicher Weg, den Parmentier aber mit großer Energie beschritt. Es gelang ihm sogar, Marie Antoinette und König Ludwig XVI. für die Kartoffel zu begeistern: Am Saint Louis-Feiertag 1786 überreichte er dem König in Versailles einen Strauß Kartoffelblüten. Eine steckte der König in sein Knopfloch, eine andere Marie-Antoinette in ihr hochgetürmtes Haar: Eine neue Mode war kreiert. Dazu überließ Ludwig XVI. Parmentier auf einem sandigen Militärgelände im Westen von Paris einen Acker als Versuchsfeld für den Kartoffelanbau: Die Metrostation „Les Sablons“ der Linie 1 erinnert noch daran.

Übrigens soll Ludwig XVI. Soldaten abgestellt haben, um die Kartoffelfelder von „Les Sablons“ zu „bewachen“. Er habe damit erreichen wollen, dass die Bauern die offensichtlich wertvollen Kartoffeln von den Feldern stehlen. So soll es ja vor ihm schon Friedrich der Große gemacht haben, um die Vorbehalte seiner zögerlichen Bauern zu überwinden.

Heute ist Frankreich nach Deutschland und Polen das drittgrößte „Kartoffel-Land“ der EU, und der Name Parmentier ist bekannt und populär. Ein verbreiteter Kartoffelauflauf – im Allgemeinen mit Rindfleisch – siehe Foto) ist nach ihm benannt. Manchmal, wenn bei uns „schnelle Küche“ angesagt ist, gibts auch den Kartoffelauflauf mit Ente (Parmentier de canard)….

Und wenn auf der Speisekarte potage parmentier steht, wie bei dem Petit Bouillon Pharamond in Paris, dann weiß zumindest jeder französische Gast, dass es sich um eine Kartoffelsuppe handelt.

Selbst in deutschen Supermarktregalen findet man Produkte, die an Parmentier erinnern:

Aber Parmentiers Verdienste und Tätigkeiten beschränkten sich nicht auf die Kartoffel. Er beschäftigte sich auch mit Zucker und stellte Weinsirup her, den er im ganzen Land bekannt zu machen suchte. Daran erinnert ein Relief auf seinem Grabdenkmal.

Ursprünglich war es von einem mit Kartoffeln bepflanzten Beet umgeben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Aber dafür gibt es ja die Kartoffeln auf dem Denkmal…

Ludwig XVI. beglückwünschte übrigens Parmentier zur erfolgreichen Einführung der Kartoffel in Frankreich. Das Land werde ihm einmal dankbar dafür sein „das Brot der Armen“ erfunden zu haben. Die pommes frites wurden erst später „erfunden“, aber ohne Parmentier gäbe es sie nicht…

Das Grab Parmentiers befindet sich in division 39, allée P. Reste.

„Der größte Teppich der Welt“: Die Prunkteppiche Ludwigs XIV. für die Grande Galerie des Louvre

Während der 54 Jahre, in denen Ludwig XIV. Frankreich allein regierte, demonstrierte er seine Herrlichkeit und Macht in prachtvollen Bauten und Gärten, in aufwändigen Festen und mit einem kostspieligen Hofstaat. Das Projekt, in dem dafür völlig ungeeigneten Park von Versailles die etwa 50 großen Fontänen mit über 1400 Düsen mit ständig sprudelndem Wasser zu versorgen, wurde auf diesem Blog schon ausführlich als  größenwahnsinnige Machtdemonstration dargestellt.[1] Weniger bekannt ist ein ebenfalls gigantisches Projekt: ein monumentaler Teppich, der die gesamte Grande Galerie, die den Louvre mit den Tuilerien verbindet, bedecken sollte – insgesamt eine Fläche von fast 4000 Quadratmetern. Tatsächlich wurde er hergestellt, aber nie dort ausgelegt. Und die Grande Galerie gibt es heute nicht mehr…[2]

                                                Die Grande Galerie auf dem Turgot-Plan von 1739[3]

1668 beauftragte Colbert, der Minister des Sonnenkönigs, dessen Hofmaler, Charles Le Brun, und die Pariser Teppich-Manufaktur de la Savonnerie, einen riesigen Teppich zu Ehren des Sonnenkönigs herzustellen. Es sollte der größte Teppich der Welt werden..[4] Damals, zu Beginn der Regierungszeit Ludwigs XIV., war der Louvre als offizielle Residenz des Königs ausersehen. Die Grande Galerie sollte zu einem zeremoniellen Korridor ausgebaut werden, den jeder ausländische Botschafter auf dem Weg zu dem geplanten Thronsaal und zum Sonnenkönig zu durchschreiten hatte – hinweg über eine Folge von 93 aneinandergefügten, 9 Meter breiten Teppichen: ein durchgehender Boden von etwa 440 Metern – sechsmal so lang wie der Spiegelsaal von Versailles.

Wer auf den Teppichen über diese geradezu endlose Galerie endlich den Thronsaal erreichte, sollte die eigene Begrenztheit und die Größe des Sonnenkönigs erlebt und den königlichen Glanz mit eigenen Augen gesehen haben. [5]

Dem entsprach die Ikonografie der Teppiche. Sie sollten das Ansehen und die Macht des Königreichs und seines Herrschers demonstrieren. Dafür dienten Herrschaftssymbole, wie sie hier auf dem ersten von ca 30 erstmalig im Grand Palais ausgerollten Teppichen zu sehen sind: Krone, die königliche Lilie und -natürlich- die Sonne.

Diese Herrschaftssymbole wiederholen sich in unterschiedlichen Variationen:

Der königliche Adler durfte natürlich auch nicht fehlen:

Hier mit Schwert und einem Rammbock mit Widderkopf, der auf die vielen von Ludwig XIV. eroberten befestigten Städte hinweist.

Über der Weltkugel die Krone der Bourbonen: Ludwig XIV. als Weltenherrscher

Sein Monogramm mit den beiden Ls.

Hier ein vierfach verschlungenes Monogramm, umgeben von Musikinstrumente: Auch die Musik stand im Dienste des Sonnenkönigs.

Und natürlich platzierte Le Brun den Kopf des Sonnengotts Apoll, seines göttlichen Pendants, in den Mittelpunkt mancher Teppiche. So entstand, wie die Kuratorin der Ausstellung erläuterte, der Beiname „Sonnenkönig“ nicht in Versailles, sondern schon mit diesen grandiosen Teppichen für die Grande Galerie.[6]

Die Sonne mit Ludwigs Devise: Nec pluribus impar (Auch mehreren nicht unterlegen): Auch mit mehreren Feinden kann es, so der Anspruch, der Sonnenkönig aufnehmen… © Mobilier national – Isabelle Bideau

Die große Bedeutung dieser Teppiche zeigt sich auch daran, dass mit den Entwürfen (den cartons) der bedeutendste französische Maler dieser Zeit, Charles Le Brun, beauftragt wurde. Le Bruns Karriere konnte glanzvoller nicht sein. Zwischen 1642 und 1644 wirkte er an der Ausstattung des Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis mit: Er schmückte die Galerie d’Hercule aus, Vorbild für den Spiegelsaal von Versailles. Von der wohlhabenden Pariser Goldschmiede-Gilde erhielt er den ehrenvollen Auftrag, zwei der jährlich für die Kathedrale von Notre-Dame gestifteten großen Gemälde zu schaffen, die Mays von 1647 und 1651. Und dann gehörte er zu dem großen Künstlerdreigestirn Le Vau, Le Nôtre, Le Brun, das ab 1658 Fouquets Schloss Vaux-le-Vicomte baute und ausstattete und das 1661 nach dem Sturz Fouquets von Ludwig XIV. übernommen wurde. Gefördert von Colbert, dessen Schloss in Sceaux  er auch ausgemalt hatte, wurde Le Brun 1662 in den Adelsstand erhoben und zum Premier Peintre du Roi, dem höchsten offiziellen Maleramt, ernannt.  Ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum Direkter der Manufacture Royale des Tapisseries et Meubles de la Couronne, für die er zahlreiche Entwürfe machte und deren Ausführung er dann überwachte. 

Im Hof der Manufacture des Gobelins im 13. Arrondissement von Paris steht denn auch eine Statue Le Bruns.

1668 folgte dann der große Auftrag für den Entwurf der 92 Teppiche in der Grande Galerie. Hier der 5. Teppich der Serie, der heute zu den Ausstellungsstücken des Louvre gehört[7]:

In der Mitte des 8,9 x 4,9 m großen Teppichs befindet sich die in alle vier Himmelsrichtungen bekrönte Weltkugel, ein beliebtes Motiv

Darum herum hat Le Brund zweimal die Wappen Frankreichs gruppiert -hier abgebildet mit den königlichen Lilien-  und, nachfolgend abgebildet, zweimal die Wappen Navarras.

Der nördlich des Pyrenäenkamms liegende Teil Navarras war im 16. Jahrhundert ein eigenständiges Königreich. Unter Heinrich IV. kam es dann zur Personalunion von Navarra und Frankreich, und 1620 wurden beide Königreiche vereinigt.

An den Außenseiten zwei ovale Medaillons mit reliefartigen allegorischen Darstellungen: Auf der einen Seite die Verkörperung des Sieges, auf der anderen Seite die des Ruhms, die mit ausgebreiteten Flügeln und vollen Backen die Glorie des Sonnenkönigs gleich mit zwei Trompeten in die Welt schmettert.

Und alles wird umspielt von kunstvollen Arabesken.

Le Bruns Entwurf gefiel den Auftraggebern offensichtlich so gut, dass gleich zwei Teppiche mit diesem Muster hergestellt wurden. Und es kann wohl vermutet werden, dass einer davon zu den 13 Teppichen Le Bruns gehörte, mit denen 1919 der Spiegelsaal von Versailles anlässlich der Unterzeichnung des den Ersten Weltkrieg beendenden „Friedensvertrags“ ausgelegt wurde[8]….

Dass Colbert bereit war, 20 Jahre lang enorme Summen für die Herstellung der Teppiche zur Verfügung zu stellen, hat wohl mehrere Gründe: Die schon unter Heinrich IV. initiierte Herstellung von Knüpfteppichen nach orientalischem Muster (la technique du point noué) sollte so weit perfektioniert werden, dass Frankreich im Sinne des Merkantilismus nicht mehr auf kostspielige Importe angewiesen war. Und die geplante Auslegung der Teppiche in der Grand Galerie sollte ausländischen Besuchern nicht nur den Glanz des Sonnenkönigs, sondern auch die Qualität der französischen Teppichproduktion veranschaulichen. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass Colbert, der die enormen Kosten der Verlegung der Residenz nach Versailles scheute, durch die luxuriöse Ausstattung der Grande Galerie den König motivieren wollte, seine Residenz im Louvre nicht aufzugeben.[9] Und nicht zuletzt diente die Luxusindustrie auch der Schaffung von Arbeitsplätzen: Die Teppiche wurden zwar nicht für das Volk, aber immerhin vom Volk hergestellt….

Für den textilen Großauftrag reichte die unter Heinrich IV. im Louvre eingerichtete Werkstatt Pierre Duponts nicht aus. Die Herstellung dieser textilen Meisterwerke verlangte technische und organisatorische Lösungen, die es in dieser Form in Frankreich noch nicht gab. Den Auftrag für die Teppiche der Grande Galerie wurde deshalb an die Manufacture de la Savonnerie in Paris vergeben, benannt nach einer früheren Seifenfabrik am Ort des heutigen Palais de Tokyo. Diese Seifenfabrik wurde von Marie de Médicis zu einem Waisenhaus gemacht. Die billige Arbeitskraft der Waisenkinder zog dann zwei Tuchfabrikanten an, die 1931 ihre Manufaktur dorthin verlegten. Für die Tepichproduktion wurden dann eigens große Werkstätten eingerichtet und Webstühle von bisher unbekanntem Ausmaß gebaut. Verwendet wurde Wolle mit feinen Knüpftechniken [10] und eine breite Farbenpalette. Da war große handwerkliche und auch künstlerische Kompetenz gefragt – man denke nur an die Übertragung der Entwürfe Le Bruns auf die vielfach größeren Teppichformate…

Darstellung der Teppichherstellung und der Werkzeuge der manufacture de la Savonnerie aus der Enzyklopädie von Diderot und Alembert (1771)

Für den auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines Ruhms stehenden Le Brun war der Auftrag ebenfalls eine Herausforderung: Es ging ja darum 92 Teppiche zu entwerfen, die einerseits miteinander harmonieren mussten, andererseits aber auch immer Neues, Überraschendes, Anziehendes anbieten mussten.  Natürlich konnte sich der premier peintre du roi  Le Brun da nicht mit einer Ansammlung von Herrschaftssymbolen begnügen. Der große Auftrag gab ihm Gelegenheit, sein Können und den Reichtum seiner Ideen zu präsentieren und damit Werbung für das „fabriqué en France“ zu betreiben. Die Teppiche zeichnen sich also durch eine Fülle von Formen, Farben und Motiven aus. So gibt es auch schöne Medaillons mit Landschaftsdarstellungen…

Hier wird das Medaillon von zwei Greifen, mythischen Mischwesen, gehalten. © Mobilier national – Isabelle Bideau

…. Sphingen….

…. phantastische Köpfe, im Stil der in der Architektur höchst beliebten Mascarons, wie man sie etwa vom Pont Neuf und den Fassaden der Pariser Stadtpaläste kennt.

Es gibt auch viele allegorische Darstellungen:

Diese Allegorie der Autorität entspricht genau der einflussreichen Iconologie des Cesare Ripa, der 1593 eine detaillierte Beschreibung allegorischer Darstellung vorlegte[11]: Eine Frau mit einem Zepter in der einen und einem Schlüssel in der anderen Hand. An ihrer Seite ein Buch und Trophäen. Der Teppich mit dieser Darstellung, der 70. der für die Grande Galerie vorgesehenen Teppiche, lag übrigens von 1962-1978 und von 1986 bis 2008 im Büro des französischen Staatspräsidenten im Élysée-Palast.

Es gibt auch einen Teppich mit allegorischen Darstellungen des Friedens: Eine weibliche Figur zerbricht die Waffen, eine andere repräsentiert den mit dem Frieden einhergehenden Wohlstand.

 Umgeben sind sie mit dekorativen Elementen aus Olivenzweigen, Symbolen des Friedens.

Für das Thema des Wohlstandes, des Überflusses, steht auch die Allegorie der Abondance mit ihrem Füllhorn.

Abondance, Teppich Nummer 56

Mit der Realität der Herrschaft Ludwigs XIV. haben die Darstellungen von Frieden von Wohlstand nur sehr bedingt zu tun. Denn Ruhm erlangte man ja in der absolutistischen Herrscher-Ideologie Ludwigs vor allem durch (siegreiche) Kriege. Und so waren denn auch in den 55 Jahren der Herrschaft des Sonnenkönigs Friedensjahre eher eine Ausnahme. Aber diese ständigen Kriege zerrütteten den französischen Staatshaushalt massiv und nachhaltig.  Die Saat der Revolution wurde in der Zeit des Sonnenkönigs gelegt. Und angesichts der Lebenswirklichkeit weiter Teile der französischen Bevölkerung waren die immensen Kosten der Teppiche und ihre Motive ein Hohn. Aber Le Bruns Aufgabe war ja, den Sonnenkönig zu verherrlichen, und dazu gehörten natürlich auch die wirklichkeitsfremden Allegorien des Überflusses und des Friedens.

Meist sind es Frauen, die die Allegorien verkörpern. Es können aber auch Tiere sein. Hier zum Beispiel Reiher und – geduckt unter ihm- Hase als Allegorien der Wachsamkeit (vigilance):

Wie an seiner Beinhaltung erkennbar, schläft zwar der Reiher, aber die durch die Farbe Rot hervorgehobenen Augen sind geöffnet, ebenso beim Hasen unter ihm: Wachsam nach allen Seiten…

Auch der kämpferische Hase steht für die Wachsamkeit.

Es gibt noch viele weitere Tierdarstellungen auf den Teppichen; zum Teil ganz entzückende, ob allegorisch oder einfach nur dekorativ…

Ein Elefant durfte natürlich nicht fehlen, galt er doch als Symbol königlicher Macht und Weisheit. Zu den besonderen Attraktionen der Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles gehörte ja auch ein vom portugiesischen König geschenkter Elefant, der Elefant von Versailles, der auch ein beliebtes Modell für die königlichen Maler war.

Die verbreitetsten dekorativen Elemente der Teppiche sind Blumen und Früchte.

Das konnten sogar auch eher bescheidene Blumen sein, vor allem aber natürlich Rosen.

Die prachtvollen Früchtekörbe werden den Sonnenkönig besonders erfreut haben: Der potager du roi, der königliche Obst-und Gemüsegarten am Rand des Parks von Versailles war ein Lieblingsort des Königs und La Quintinie, der oberste königliche Nutzgärtner,  ein besonders geschätzter und  geehrter Vertrauter.

Aber Blumen und Früchte sind nicht nur dekorativ: Sie kommen ja auch aus dem Füllhorn der Abondance: Wer über den Teppich der Grande Galerie schreitet, soll sehen, dass er sich in einem Land des Wohlstands und des Glücks befindet.

Ludwig XIV. war das allerdings nicht genug. Der Sonnenkönig wollte mit seinem größenwahnsinnigen Versailles-Projekt alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. In Versailles allerdings wurden die Teppiche für die Grande Galerie nicht mehr gebraucht. Einige wurden als Staatsgeschenke verwendet, 51 während der Französischen Revolution verkauft, manche wegen ihrer royalen Hoheitssymbole von fanatischen Revolutionären zerstückelt. Napoleon kaufte zwar manche wieder zurück, aber viele gingen in dieser Zeit verloren.  Heute sind die noch bekannten Teppiche der Grande Galerie verstreut, in öffentlichen und privaten Sammlungen in Frankreich, Italien, der Schweiz, Dänemarks, Großbritanniens und den Vereinigten Staaten.

Zwei identische Teppiche. Der eine, 1668-1677 gefertigt, der andere 1688. Der zweite war als Staatsgeschenk bestimmt, blieb dann aber doch im Besitz des französischen Staates.[12]

Für die noch im Besitz des französischen Staates befindlichen Teppiche ist das Mobilier national zuständig, das ehemalige Möbellager des Hofes, das 1663 von Louis XIV. und Colbert gegründet wurde. Es kümmert sich heute um die Einrichtung der offiziellen Regierungspaläste der Republik, wie den Palais de l‘Élysée oder die Ministerien. So wurden und werden denn auch die Teppiche gelegentlich für offizielle Zwecke verwendet: Zum Beispiel wurde manchen Staatsgästen nicht der übliche einfache rote Teppich ausgerollt, sondern eben Teppiche Le Bruns. Nelson Mandela wurde 1996 bei seinem Empfang auf dem Flughafen Orly diese Ehre zuteil. Die präsidialen Räume im  Élysée-Palast waren zeitweise auch mit Le Brun-Teppichen ausgelegt und auch das Pariser Rathaus war dafür würdig genug. Manchmal wurden sie auch bei feierlichen Anlässen verwendet – so bei der Krönung Karls X. 1825 in der Kathedrale von Reims.

Anfang Februar 2026 waren ca 30 dem Mobiliar national anvertraute Teppiche gemeinsam im Grand Palais ausgestellt: Eine Weltpremiere. Aber nur eine einzige Woche lang; aus Gründen der Konservierung der empfindlichen Stücke, vor allem aber wohl wegen des prall gefüllten Kalenders des Grand Palais.

Wir waren sehr froh, diese einmalige Gelegenheit nutzen zu können und sind froh, jetzt Leserinnen und Lesern des Blogs einen Eindruck von der eindrucksvollen Präsentation zu vermitteln.


Anmerkungen

[1] Lesezeit 13 Minuten

https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

https://paris-blog.org/2020/05/19/der-canal-louis-xiv-und-das-aquaedukt-von-maintenon-die-fontaenen-von-versailles-teil-3/

[2] Im Einleitungsteil des Beitrags beziehe ich mich vor allem auf:  Sonja Siegenthaler, Ein gigantischer, nie ausgelegter Teppich des Sonnenkönigs wird im Grand Palais gezeigt. Kultur 04.02.2026  https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/kultur/grand-palais-zeigt-den-nie-ausgelegten-teppich-ludwigs-xiv-ld.1923464

[3] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[4] „Le plus grand tapis du monde“, wie die Ausstellungsmacher stolz verkünden. So auf einer Informationstafel am Anfang der Ausstellung. Siehe auch: https://www.rtbf.be/article/a-paris-les-exceptionnelles-tapisseries-du-roi-soleil-s-exposent-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-11673174

Ein Überblick über alle ausgestellten Teppiche bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Tapis_de_la_galerie_d%E2%80%99Apollon_et_de_la_grande_galerie_du_Louvre

[5] « L’idée était que les ambassadeurs qui visitaient Louis XIV puissent marcher pendant 442 m sur des tapis très forts en symbolique jusqu’au trône du roi, et se disent qu’il est le plus puissant monarque du monde », explique Emmanuelle Federspiel, conservatrice et co-commissaire de l’exposition. https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-

[6] „C’est d’ailleurs de ce programme artistique que naît le surnom du Roi-Soleil,  au Louvre, et non pas à Versailles“ (Emmanuelle Federspiel, conservatrice et co-commissaire de l’exposition). https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-01-02-2026

[7] Tapis de la Grande Galerie aux armes de France et de Navarre avec un globe au centre – Louvre site des collections  Siehe auch: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tapis_de_Savonnerie_Louis_XIV_apres_Charles_Le_Brun_pour_la_Grande_Galerie_du_Louvre.jpg und

Le Trésor retrouvé du Roi-Soleil | Grand Palais RMN | Espace Presse

[8] Nachfolgendes Bild: Gemälde von Herbert Arnould Olivier aus: Tapis de la galerie d’Apollon et de la grande galerie du Louvre — Wikipédia

[9] So eine Informationstafel der Ausstellung

[10] Im Ausstellungsbericht des Le Parisien ist von 16 000 Knoten pro Quadratzentimeter die Rede. Das wären pro Quadratmeter 16 000 000 Knoten. Besonders feine persische Seidenteppiche haben allerdings „nur“ 600 000 Knoten pro Quadratmeterhttps://www.leparisien.fr/culture-loisirs/expositions/reunis-pour-la-premiere-fois-au-grand-palais-les-tapis-du-roi-soleil-brillent-enfin-plus-de-350-ans-apres-01-02-2026-TDZIKLJ6RVCTVPPLYXWCXXSPTM.php  und https://www.kibek.de/lexikon/knuepfdichte/

Die Manufacture de la savonnerie gibt es auch heute noch, allerdings in Lodève (Herault): https://www.herault-tourisme.com/fr/fiche/patrimoine-culturel/manufacture-nationale-de-la-savonnerie-atelier-de-lodeve-lodeve_TFOPCULAR034FS00026/

[11] Siehe dazu: Alice Thaler,  Die Signatur der Iconologia des Cesare Ripa : Fragmentierung, Sampling und Ambivalenz : eine hermeneutische Studie. Basel 2018

[12] Bild aus: Tapis de la galerie d’Apollon et de la grande galerie du Louvre — Wikipédia

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

Grottesco: Eva Jospins Traumwelten aus Karton im Grand Palais

Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Eva Jospin schon mehrfach begegnet. So im Beitrag über die verlängerte Metro-Linie 14, wo Eva Jospin eine Außenwand des Bahnhofs Hôpital-Bicêtre künstlerisch gestaltet hat.[1]

Und im Park von Chaumont-sur-Loire, der im September 2025 auf diesem Blog vorgestellt wurde, hat Eva Jospin eine wunderbare „Folie“ gestaltet, eine der in klassischen englischen Landschaftgärten eingestreuten Attraktionen und Blickpunkte.[2]

Es ist eine wunderbare Mischung zwischen Tempelchen und Grotte, inzwischen von der Natur überwuchert: eine für Jospin ideale Verbindung zwischen Natur und Architektur.

Sowohl die Wand des Bahnhofs von Hôpital-Bicêtre als auch die Folie von Chaumont-sur-Loire sind überwiegend aus Beton gefertigt. Die Modelle dafür bestanden aber aus Karton, dem bevorzugten Arbeitsmaterial Jospins. Die aktuelle Ausstellung im Grand Palais bietet nun die einzigartige Möglichkeit, die Meisterschaft ihrer Karton-Arbeiten und deren Variationsreichtum im Detail und aus nächster Nähe zu betrachten und zu bewundern.

Die Ausstellung findet gleichzeitig und gemeinsam mit der Präsentation von Claire Tabourets neuen Kirchenfenstern für Notre-Dame statt.

Blick in die Werkstatt von Eva Jospin[3]

Ein bevorzugter Gegenstand, den Eva Jospin mit ihren Kartons gestaltet, ist der Wald. Am Ende der Ausstellungs- Galerie steht eine monumentale, 9 Meter breite Wald-Wand.

Panorama, 2016, Karton und Holz 480 x 900 x 450 cm

Es ist ein Halbrund und trägt den Titel „Panorama“: Das bezieht sich auf die historischen Panoramen,  die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und sich, Vorläufer des Kinos,  im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten – gerade auch in Paris: Die Passage des Panoramas und die Panorama-Rotunde an den Champs-Élysées, Nachfolgerin des klassischen Baus Hittorffs, erinnern an die Blütezeit der Panoramen.  Und ein wenig wie damals lädt Jospins Panorama zu einem Spaziergang zwischen tiefem Wald und mineralischen Felswänden ein. Es gibt keine Menschen oder Tiere, aber der Wald ist nicht tot, er ist nur eingeschlafen. Ein Wolf könnte im dichten Unterholz lauern,  Eichhörnchen jederzeit in den Baumwipfeln herumtollen…

Für Jospin ist der Wald „Quelle der Magie. Er verweist auf die Ursprünge der Welt, auf Legenden und Märchen, weckt Staunen und Furcht.“ Mit den Worten Eva Jospins: „Es ist ein Ort, der sofort dazu anregt, neue Welten zu entdecken. Für mich ist es der Raum, der das Sichtbare und das Unsichtbare am besten verkörpert.“[4]

Schleicht hier vielleicht eine Echse durch das Unterholz?

Die Bewunderung des Waldes teilt Jospin übrigens mit Gustave Courbet, auf den sie sich auch ausdrücklich bezieht und in dessen Atelier in Ornans sie 2025 einige ihrer Werke ausgestellt hat. Beide waren fasziniert von den Wäldern, den Felsen, den Grotten und den Quellen. Aber im Gegensatz zu Courbet, dem Meister des Realismus, imitiert Jospin niemals die Natur, sondern erschafft sie immer wieder neu.[5]

Neben den Wäldern sind es phantasievolle Werke der Architektur, die Eva Jospin vor allem aus Karton herstellt. Beide Bereiche ohne jede menschliche Präsenz, geheimnisvoll, aber nicht beunruhigend – verstörend.

Scala, 2025 Karton, Messing

Diorama 2025  Holz, Karton, Bronze, Gips

Bögen, Säulen, Baumstümpfe, Felsen, Stalaktiten: Dieses Diorama vereint einen Großteil der Bildsprache Eva Jospins, zwischen Präsenz und Abwesenheit, Steinen und Bäumen, Ruinen und Höhlen. In diesem kleinen, intimen Theater vermischen sich Natur und Kultur organisch, ähnlich wie in den Kuriositätenkabinetten, deren Idee in der italienischen Renaissance entwickelt wurde.[6]

Betrachtet man die phantastischen Architekturen Jospins drängen sich viele Assoziationen auf: an die Architektur der troglodytischen Siedlungen, an die Säulen und Kapitelle des antiken Griechenlands, an die italienischen Capricci des 18. Jahrhunderts, die Welt des M.C.Escher oder die erträumten Landschaften und Bauten Hubert Roberts….

Es sind auch mächtige Bauten, die Jospin in der Ausstellung präsentiert.

„Traumwelten aus Karton“: Ausstellung in Palais des Papes. Photography: Benoît Fougeirol © ADAGP, Paris[7]

Ausstellungstücke und Ausstellungsort sind nicht ganz so exquisit wie 2024 im Palais des Papes in Avignon, aber eindrucksvoll genug –  trotz des großen Gedränges in der Galerie des Grand Palais.

Im Vordergrund der Cénotaphe aus dem Jahr 2020, u.a. aus Holz, Karton, Muscheln, Buntpapier. Dahinter die Kuppel des 7,3 Meter hohen Duomo aus dem Jahr 2025

Die Kuppel des Duomo erinnert mit der Öffnung zum Himmel und den  herabhängenden Wurzeln an die Folie in Chaumont-sur-Loire.

Da die Fenster der Galerie ausdrücklich nicht zugestellt sind, öffnet sich der Blick auch auf die Architektur der Stadt… Und die Ausstellungsstücke verändern sich mit dem unterschiedlichen Lichteinfall.

Beim Rundgang durch die Ausstellung versteht man auch den Titel, den ihr Eva Jospin gegeben hat: Grottesco: Der Name verweist auf eine Legende, die von einem jungen Römer handelt. Er fällt aus Versehen in eine Höhle, wo er wunderschöne, vergessene Fresken entdeckt: Überreste des Domus Aurea des Nero, die seit Jahrhunderten verschüttet waren. Daraus entstand der Begriff des  „Grotesken“, ein Stil, in dem, so Jospin, „Pflanzen, Architektur, das Illusionäre und das Märchenhafte eine Einheit bilden. Das Groteske ist ein anderer Name für das Fantastische, das Unerwartete.“[8]

In der Ausstellung im Grand Palais gibt es auch einige Stickereien aus Seide und Wollfäden. Ein besonderes Beispiel für Jospins textile Arbeiten konnte man 2024 in der Orangerie des Schlosses von Versailles bewundern: Ein monumentales, 107 Meter langes Natur- und Architekturpanorama.[9]

In der Galerie des Grand Palais sind kleine(re), aber ebenfalls feine textile Werke ausgestellt.

Arche 2025 (Ausschnitt) Seiden- und Metallfäden

Source (Quelle), 2025. Eine Landschafts- Stickerei mit Seidenfäden, Holzrahmen

Source, Detail

Sous-bois (Unterholz, Ausschnitt) 2025 Stickerei mit Seidenfäden

Eva Jospin in ihrer Werkstatt [10]


Anmerkungen

[1] https://paris-blog.org/2024/10/01/die-verlangerte-metro-linie-14-von-saint-denis-zum-flughafen-orly-technische-architektonische-kunstlerische-superlative-und-stadtebauliche-und-soziale-veranderungen/

Alles Bilder dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

5 Minuten Lesezeit

[2] https://paris-blog.org/2025/09/06/der-skulpturenpark-von-chaumont-sur-loire/

[3] https://kultur24-berlin.de/ruinart-kunstprojekt-zum-gallery-weekend-in-berlin/

[4]   „C’est un lieu qui incite immédiatement à découvrir de noveaux mondes. Pour moi, c’est l’espae qui incarne le mieux le visible et l’invisible.“  Connaissance des arts hors-série, Eva Jospin, Grottesco. S. 14

Dieses Heft von Conaissance des arts behandelt auch die Ausstellung von Claire Tabouret, d’un seul souffle, die gleichzeitig in einer benachbarten Galerie des Grand Palais stattfindet.

[5] Guillaume Morel, Eva Jospin, rêver le paysage. In: connaissance des arts, S. 17

[6] Siehe: Le microcosme magique. In: connaissance des arts, S. 23

[7] https://thespaces.com/eva-jospin-palais-des-papes-avignon/?utm_source=Pinterest&utm_medium=organic&epik=dj0yJnU9SGV3X3UxV2VZWGZleUhuX2NqMFJLNmRXWVBPSkE1M3AmcD0wJm49aDhRMF80bTFRYzE4VGp1VjktdWx0ZyZ0PUFBQUFBR2wtQTkw

[8] Eva Jospin in: Connaissance  des arts, S. 6

[9] https://paris-blog.org/2024/08/30/versailles-ein-natur-und-architekturpanorama-eva-jospins-in-der-orangerie-von-versailles/

[10] Bild aus: connaissance des arts, S. 5

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Eva Jospin:

Umstrittene Fenster: Die Entwürfe der neuen Notre-Dame-Fenster, ausgestellt im Grand Palais

Kaum war der schreckliche Brand von Notre-Dame im April 2019 gelöscht, entbrannte eine kurze heftige Debatte zwischen den Vertretern eines getreuen Wiederaufbaus, den Anciens, und den Modernes, die für einen Wiederaufbau im Geiste unserer Zeit plädierten. Präsident Macron als Repräsentant des für das Bauwerk zuständigen Staates hätte sich durchaus eine moderne „geste architecturale“ vorstellen können. Beschlossen wurde dann aber eine Rekonstruktion „à l’identique“.  Die wiederaufgebaute Kathedrale entspricht damit wieder dem grundlegenden Werk Viollet-le-Ducs, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem damals arg heruntergekommenen Bau eine idealtypische gotische Kathedrale formte. Erst er habe, so hymnische Stimmen nach dem Brand, aus Notre-Dame ein „chef-d’oeuvre“, ein Meisterwerk, gemacht.[1]

Bei der Rekonstruktion wurde also auf jedwede zeitgenössische Veränderung und Neuerung des Baus verzichtet. Symbol der getreuen „résurrection“ der  Kathedrale ist der mächtige  Dachreiter, der 2019 bei dem Brand einknickte und das Dach der Kirche durchschlug. Auch dieser Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert mit dem Abbild Viollet-le-Ducs wurde exakt wiederhergestellt.  Und dies gilt auch für die Fenster, einschließlich der 12 von Viollet-le-Duc entworfenen.  

Eines der von Viollet-le-Duc entworfenen Fenster im südlichen Seitenschiff (Foto: Wolf Jöckel, Januar 2026)[2]

Das Domkapitel von Notre-Dame mit dem Pariser Erzbischof Ulrich sah aber im Brand und dem Wiederaufbau die Chance, die Kirche auch für moderne Kunst zu öffnen.

Schöne Beispiele dafür sind in den nördlichen Seitenkappellen der Kathedrale die modernen Wandteppiche, die die historischen Mays-Gemälde ergänzen. Hier zwei Teppiche mit Motiven von Matisse.

Dazu gab es aber auch von kirchlicher Seite den Wunsch, die Kathedrale mit einigen modernen Glasfenstern auszustatten. Viele Epochen, so der Pariser Erzbischof, hätten in der Kathedrale ihre Spuren hinterlassen: „Es gibt in Notre-Dame Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, dem 17., dem 19. und dem 20, warum nicht auch aus dem 21.“, der Epoche also, die „die verwundete Kathedrale“ restauriert habe. Als Ort wurden sechs Seitenkapellen im südlichen Querschiff ausersehen, deren vom Brand nicht beschädigte Fenster Viollet-le-Duc entworfen hatte.

Die Idee der sechs modernen Fenster wurde von Präsident Macron begeistert aufgenommen. Nach der Wiedereröffnung solle -wenigstens mit den sechs Fenstern von insgesamt 120- das 21. Jahrhundert (la marque du XXIe siècle) in die Kathedrale einziehen. Viollet-le-Duc sei 29 Jahre alt gewesen, als er den Dachreiter von Notre-Dame entworfen habe, Renzo Piano, der Architekt des Centre Pompidou, 33. Man müsse auch Vertrauen in die (jungen) Künstler unserer Zeit haben.

Am 8 Dezember 2023, ein Jahr vor der Wiedereröffnung von Notre-Dame, kündigte Präsident Macron an, es werde ein Wettbewerb für den Entwurf der 6 zeitgenössischen Fenster ausgeschrieben. Natürlich sollten die Fenster von französischen Ateliers hergestellt werden, made in France oblige. Und es sollte sich, das war der Wunsch der Kirche, um figurative Darstellungen zum Pfingstwunder handeln.

Gegen dieses Vorhaben gab es erheblichen Widerstand. Eine französische Petition zur Bewahrung der Kirchenfenster sammelte fast 300 000 Unterschriften. Man habe, so heißt es darin,  keine grundsätzlichen Einwände gegen Elemente moderner Kunst in historischen Bauwerken. Bei Notre-Dame sollten aber Fenster ersetzt werden, die genauso unter Denkmalschutz stünden wie der gesamte Bau. Die Fenster hätten immerhin den Brand überstanden, seien danach aber, wie die gesamte Kathedrale, mit Spendengeldern restauriert worden. Außerdem, so die Petition und weitere Kritiker in ihrem Gefolge, würden moderne Fenster „vor allem das von Viollet-le-Duc fein austarierte Lichtspiel in der Kirche brachial stören.“[3]

Ein weiteres Glasfenster Viollet-le-Ducs im südlichen Seitenschiff, das durch ein modernes Fenster ersetzt werden soll.

Präsident Macron versuchte die Wogen zu glätten, indem er ankündigte, die Fenster Viollet-le-Ducs, die durch neue Kreationen ersetzt würden, in das geplante Notre-Dame-Museum (musée de l’œuvre de Notre-Dame de Paris) im Hôtel Dieu neben der Kathedrale zu überführen. Das sei aber, so die Petition, nur ein schwacher Trost und auch kaum vollständig umsetzbar. Didier Rykner, der Initiator der Petition, hat jedenfalls weiteren entschiedenen Widerstand angekündigt. Gegebenenfalls werde man auch mit juristischen Mitteln gegen „das Projekt Macrons“ vorgehen: Da wird die Verantwortung für das umstrittene Projekt nicht der Kirche, sondern dem in Frankreich ungeliebten Präsidenten zugeschrieben: Vielleicht sind manche Unterschriften diesem geschickten Schachzug zu verdanken…

Trotz alledem: Im Dezember 2024 verkündete die für den Wiederaufbau Notre-Dames und für die Auswahl der neuen Fenster verantwortliche Institution Rebâtir Notre-Dame de Paris das Ergebnis des ausgeschriebenen Wettbewerbs. Die Jury unter der Leitung von Bernard Blistène, dem ehemaligen Leiter des Centre Pompidou, wählte aus 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Claire Tabouret aus. Sie hatte ihr Konzept in Zusammenarbeit mit dem renommierten Glasatelier Simon-Marq aus Reims entwickelt. Die 1981 in Südfrankreich geborene und seit 2015 in Los Angeles lebende Künstlerin ist in Deutschland eher unbekannt.[4] Vor allem in den USA und in Frankreich, wo sie u.a. von der Fondation Pinault gefördert wird, hat sie aber durch zahlreiche Ausstellungen und Werke in renommierten Museen und Galerien einen festen Platz im künstlerischen Leben.

Eindrucksvoll ist ihre Serie L’île, mit der sie das Schicksal der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer thematisiert.[5]

Vor allem ist sie bekannt für ihre teilweise verstörenden Bilder von Kindern und Jugendlichen in meist leuchtenden Farben.

Aus einer Ausstellung im Palais Idéal du Facteur Cheval 2024[6]

Seit Dezember 2025 und bis zum 15. März 2026 sind Tabourets Entwürfe für die neuen Glasfenster von Notre-Dame nun im Grand Palais zu sehen. Tabouret reizte diese Aufgabe besonderes angesichts der polemischen Begleitmusik des von ihr grundsätzlich begrüßten Projekts. Frankreich habe ein besonderes Verhältnis zur Geschichte, das manchmal zu einer Gefahr des Immobilismus führe. Sie wolle dazu beitragen, das Erbe lebendig zu erhalten. Außerdem habe sie die vom Pariser Erzbischof Ulrich vorgegebene Pfingstthematik besonders angesprochen. Pfingsten stehe für die Idee des harmonischen Zusammenlebens von Menschen, trotz aller Unterschiede. „Eine wesentliche Botschaft der Toleranz in einer von Kriegen und Trennungen geprägten Epoche.“ [7]  Ein figuratives Kunstwerk könne „von Menschen aus verschiedenen Kulturen ohne Erklärung oder Bezeichnung verstanden werden.“[8]

  Claire Tabouret in ihrem Atelier mit Entwürfen für die neuen Glasfenster von Notre-Dame[9]

Die sechs Entwürfe entsprechen in der Größe (7 Meter Höhe) und Form (jeweils 4 Lanzettfenster, ein 6-er Pass und zwei 4-er Pässe) den originalen Fenstern. Sie sind in der Galerie des Grand Palais nebeneinander ausgestellt.

Vor den Fenster-Entwürfen ist jeweils eine Bank aufgestellt, beschriftet mit einem dazu passenden Bibelzitat aus der Pfingstgeschichte und dahinter Vitrinen und an der Wand befestigte Materialen und Vorarbeiten zu den jeweiligen Fenstern.

Ornamentales Detail eines Vorentwurfs

Das erste für die  Kapelle Saint-Joseph bestimmte Fenster zeigt die versammelten Apostel. Auf der Bank davor ein Satz aus der biblischen Apostelgeschichte:  Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.

Das zweite und das dritte Fenster veranschaulichen den Sturm, von dem die Apostelgeschichte berichtet:   Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 

Das dritte, für die Kapelle Saint-Vincent-de-Paul bestimmte Fenster

Das zentrale Fenster ist der Schilderung des Pfingstwunders gewidmet. Dies wird in der Apostelgeschichte so beschrieben: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“  Dies stellt Tabouret in ihrem vierten Fenster dar.

                                                                     Zwei der zwölf Feuerzungen

Dieses Fenster ist besonders hervorgehoben durch seinen Ort, nämlich die der Pariser Schutzheiligen Sainte-Geneviève gewidmete Kapelle. Und es ist zusätzlich und vor allem von Tabouret hervorgehoben durch die zentrale Gestalt der Maria, der Namensgeberin der Kathedrale, die Tabouret in die Pfingstgeschichte einfügt.

„Maria erscheint körperlich und ekstatisch, das Haar offen, das Gewand blau. Ein zeitgenössischer Blick auf eine uralte Geschichte.“[10]  Maria, so Tabouret, sei üblicherweise schamhaft und in sich gekehrt dargestellt. Bei ihr dagegen steht sie aufrecht, den Betrachtern zugewandt, in einer sehr expressiven Haltung, die Arme zum Himmel gestreckt, die Augen gerötet  durch den Tod ihres Sohns, die Haare kämpferisch gelöst (les cheveux en bataille).[11]

Diese Mariendarstellung wird denn auch als Motiv für das Ausstellungsplakat verwendet.

Den Titel der Ausstellung „D’un seul souffle“ (Mit einem Atemzug) hat Tabouret, wie sie sagt, mit einem das Projekt begleitenden Mitglied der Pariser Diözese gefunden: „Ich suchte nach einem Titel, der eine kollektive Handlung suggeriert, und dieser war genau richtig: Über den Atem des Glases und den Atem des Windes hinaus, der in einem der Verse erwähnt wird“ beziehe sich der Titel der Ausstellung auch auf den „Atem des Lebens, der uns alle vereint, unabhängig von unserer Kultur oder unserem Glauben.“[12]

Darum geht es dann  auch besonders in den letzten beiden Fenstern entsprechend den Worten der Apostelgeschichte: Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.[13] 

Detail aus dem 5. Fenster für die Kapelle Saint-Denys

Sie zeige hier, so Tabouret, Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, die im Gebet vereint sind, um Pfingsten zu feiern. In Zeiten wie unseren, die von Krieg, extremer Spaltung und Spannung geprägt sind, sei es „eine wunderbare Geste der Hoffnung“, durch die Kunst die Einheit der Menschen durch das Thema Pfingsten zu fördern.[14]  

Ausschnitt aus dem abschließenden sechsten Fenster in der Kapelle Saint-Paul-Chen

Die Beurteilung der Entwürfe Tabourets könnte, was zu erwarten war, unterschiedlicher nicht sein. Da gibt es, etwa im Katalog der Ausstellung,  hymnische Darstellungen von kirchlicher Seite und von Seiten der für den Wettbewerb und die Auswahl Tabourets Verantwortlichen. Und es gibt andererseits -beispielsweise- einen Verriss, wie er radikaler und heftiger kaum sein könnte, nämlich von Stefan Trinks in der FAZ vom 10.12.2025 unter dem Titel: Oh Herr, lass Kunst regnen! Nicht nur sei generell der Ersatz der Fenster Viollet-le-Ducs „eine bedauerliche, ja groteske Fehlentscheidung“, sondern vor allem auch die Auswahl der stillosen Entwürfe Tabourets. Künstlerisch funktioniere auf ihren Fenstern „gar nichts“. Die Flammen des Heiligen Geistes ergössen sich „in einem absurd scheußlichen Hustensaftrosa“ auf die „unausgeschlafen“ aussehenden und „geradezu bedröhnt“ wirkenden Jünger.

Der Boden sei „wie mit buntem Konfetti beim Kölner Karneval“ bestreut und könne „genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunzigerjahre stammen“…. Da kann der Autor dieser vernichtenden Kritik nicht nachvollziehen, dass die sonst so peniblen Denkmalpfleger der UNESCO hier keinen Einspruch erhoben haben…

Mein Blick auf die Fenster ist anders: Auch als ein der Kirche fernstehender Mensch kann ich der in den Fenstern zum Ausdruck gebrachten Utopie menschlicher Einheit einiges abgewinnen, so wie ich auch Schillers/Beethovens „Alle Menschen werden Brüder“ immer mit großer Anteilnahme singe oder höre. Und künstlerisch überzeugen mich die beiden Fenster, die den vom Himmel kommenden Sturm darstellen.

               Ausschnitt aus dem zweiten Fenster, das den vom Himmel  kommenden Sturm illustriert.

Man hat da auf Monet verwiesen, und Tabouret hat selbst berichtet, wie sehr seine Bilder sie schon als kleines Kind beindruckten.

Ausschnitt aus dem dritten Fenster

Bei dem im Sturm gebeugten Baum des dritten Fensters hat man auch auf van Gogh verwiesen, was kritisch aber auch anerkennend gemeint sein kann. Ich sehe das eher als Verweis auf die künstlerische Tradition, auf die sich jedes moderne Kunstwerk bezieht, als Qualitätsnachweis.

Trinks allerdings nennt den „dräuenden Gewitterhimmel“ in einem Atemzug mit dem „Apostel-Ringelreihen“ davor. Immerhin gesteht er am Ende dann doch zu, dass jeder ja sich selbst „vor Ort seine Meinung bilden“ könne. In diesem Punkt kann ich ihm zustimmen. Und dazu ist noch bis zum 15. März im Grand Palais Gelegenheit und ab Ende des Jahres dann auch in Notre-Dame selbst. Dann wird man vielleicht auch sehen, ob die Fenster Tabourets wirklich brachial das „fein austarierte Lichtspiel“ der Kirche zer-stören oder sich nicht vielmehr „harmonisch in die gotische Ästhetik der Kirche“ einfügen,  sie durch ihr neues Licht bereichern und zu einem Dialog zwischen Tradition und Innovation anregen.[15]


Anmerkungen

[1] Zum aktuellen und historischen Streit um die Kirchenfenster von Notre-Dame siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2024/12/16/der-streit-um-die-kirchenfenster-von-notre-dame-de-paris-la-querelle-des-vitraux-1935ff-und-2023-ff/

[2] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Titelbild ist ein Detail eines Vorentwurfs zum dritten Fenster, das den vom Himmel kommenden Sturm darstellt.

[3] Stefan Trinks, Oh Herr, lass Kunst regnen! Für Notre-Dame, stillos: Die Fensterentwürfe Claire Tabourets sind jetzt im Pariser Grand Palais ausgestellt. In: FAZ vom 10.12.2025, wortgleich übernommen in: https://www.domradio.de/artikel/paris-zeigt-entwuerfe-fuer-neue-fenster-von-notre-dame  vom 11.12.2025

[4] Nach der Homepage von Claire Tabouret gab es bisher noch keine Ausstellung ihrer Werke in Deutschland und noch keine Arbeiten von ihr wurden von renommierten deutschen Museen gekauft. https://www.clairetabouret.com/

[5] Bild aus: https://crennjulie.com/2012/01/14/claire-tabouret-lile/

[6] Bild aus: https://www.clairetabouret.com/en/presentation-vues-d-expositions/  Nachfolgendes Bild (Ausschnitt) aus: https://www.alternatif-art.com/claire-tabouret-lartiste-qui-illuminera-notre-dame-de-paris/

[7] Claire Tabouret in einem Gespräch mit Virginie Huet. In: connaissance des arts. Hors-série, Claire Tabouret, D’un seul souffle, S. 6

[8] https://www.waz.de/kultur/article410664347/heftig-umstritten-paris-zeigt-entwuerfe-fuer-neue-fenster-in-notre-dame.html

[9] https://www.deutschlandfunkkultur.de/entwuerfe-fuer-neue-notre-dame-fenster-sind-zu-sehen-100.html

[10] So gleichlautend in: https://www.n-tv.de/panorama/Paris-zeigt-neue-Fenster-fuer-Notre-Dame-id30122549.html    https://www.weltkunst.de/kunstwissen/2025/12/neue-entwuerfe-fuer-umstrittene-notre-dame-fenster

[11] Zit. in: connaisssance des arts a.a.O., S. 31

[12] Zit. a.a.O., S. 9

[13] https://www.bibleserver.com/EU/Apostelgeschichte2

[14] https://www.european-circle.de/die-franzoesische-malerin-claire-tabouret-entwirft-die-buntglasfenster-von-notre-dame/

[15] Stefan Trinks a.a.O. und https://www.alternatif-art.com/claire-tabouret-lartiste-qui-illuminera-notre-dame-de-paris/

Weitere Blog-Beiträge zu Notre-Dame

Rue de la Femme sans Teste oder die Angst der Männer vor starken Frauen. Von Ulrich Schläger

Wo auf der Île Saint-Louis die Rue Le Regrattier auf den Quai Boubon trifft, steht auf einem Sockel des Eckhauses der Torso einer Statue, von der nur noch die Beine mit Resten eines Gewandes vorhanden sind.

Unterhalb des Sockels ist in den Eckstein der ehemalige Straßenname eingemeißelt: „Rue de la Femme sans Teste“, „Straße der Frau ohne Kopf“. („Teste“ ist das altfranzösische Wort für „Tête“.)

Die meisten von uns würden den naheliegen Schluss ziehen, dass sich der alte Straßenname auf die kopflose Skulptur bezieht. Tatsächlich verhält es sich ganz anders.

Auf dem Sockel hatte Nicolas de Jassaud, Besitzer eines Nachbargebäudes am Quai, 1666 keine Frauenfigur, sondern Saint Nicolas stellen lassen. Es war sein Namenspatron und Schutzheiliger der Bruderschaft der Seeleute und Schiffer, der er angehörte.

Die Heiligenfigur wurde 1793 von Pierre-André Coffinhal-Dubail (1762-1794), bekannt als Jean-Baptist Coffinhal, zerstört. Ein neuer kleinerer Nikolaus füllt allerdings inzwischen die Lücke mehr schlecht als recht etwas aus.

Coffinhal wohnte in der Rue Le Regrattier Nummer 6.  An seinem Haus erinnert noch eine Plakette an ihn.

Fotos: Wolf Jöckel

Der Jurist Coffinhal, ein besonders radikaler Anhänger Robespierres, war Wahlmann für die Section de l’Île-Saint-Louis bei den französischen Parlamentswahlen  und für den Konvent. Die Section wurde 1792 in Section de la Fraternité umbenannt, um alle Hinweise auf eine religiöse Herkunft auszulöschen.  Dieser Ikonoklasmus machte in der radikalen Phase der Französischen Revolution, d.h. vom Sturm auf die Tuilerien im August 1792 bis zum Sturz von Robespierre am 9. Thermidor (27. Juli 1794) nicht Halt bei religiösen Bezeichnungen und Bildwerken, sondern betraf auch alle Symbole und Zeichen des Königtums. An Gebäuden und Straßen wurde – wie man noch heute sehen kann – das „Saint“ oder „St.“ herausgemeißelt, Statuen und Denkmäler von Heiligen und alle Königsdenkmäler wurden zerstört. Selbst die Grabstätten der französischen Könige in der Basilika Saint-Denis wurden geschändet.

Straßenschild der rue Saint-Séverin im Quartier Latin (5. Arrondissement) Foto: Wolf Jöckel

1793 wurde Coffinhal zum Richter des Revolutionstribunals ernannt. Der Freund des berüchtigten Chefanklägers Fouquier-Tinville zeichnete sich durch seinen Eifer und seine Unnachgiebigkeit aus. Er führte auch den Vorsitz beim Prozess gegen den berühmten Chemiker Antoine de Lavoisier. In seinen Prozessen legte er einen fanatischen Eifer an den Tag. Er war berüchtigt dafür, den Angeklagten das Wort abzuschneiden, er fälschte Protokolle und auch Beweismittel, soweit er sie nicht ganz unterschlug. Im Prozess gegen Lavoisier soll er, als jemand dessen wissenschaftliche Verdienste anführte, geäußert haben: La république n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu. („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“), doch ist das umstritten. Das französische ’n’a pas besoin de savants‘ könnte auch mit ‚hat keinen Mangel an Wissenschaftlern‘ übersetzt werden, was die Bedeutung ändern würde, wenn er dies tatsächlich gesagt hätte.  Nach dem Sturz von Robespierre wurde Coffinhal auf der Flucht gefasst, am 18. Thermidor (6. August 1794) zum Tode verurteilt und am selben Tag auf der Place de Grève guillotiniert. Als er das Schafott bestieg, soll ihm die höhnische Menge den Satz zugerufen haben, den er so oft benutzt hatte, als er den Vorsitz im Revolutionstribunal führte – „Coffinhal, tu n’as pas la parole!“. (Coffinhal, du hast nicht das Wort). Dieser üble Zeitgenosse war nun un l’homme sans Tête, das angemessene Schicksal für diesen Mann an diesem Ort.

Es bleibt die Frage: Wenn also die kopflose Skulptur und eingravierte Inschrift „rue de la femme sans teste“ nichts miteinander zu tun haben, wie erklärt sich dann dieser Straßenname?

Foto: Wolf Jöckel

Benannt wurde der  Straßenabschnitt zwischen der Rue Saint-Louis und dem Quai de Bourbon zwischen 1660 und 1665 nach einer Taverne in dieser Straße oder nach einem Schild an diesem Wirtshaus, das eine kopflose Frau mit einem Glas in der Hand zeigte, begleitet von dem Motto tout en est bon (alles ist gut), ein damals häufiger Brauch in Paris.

Edmond Beaurepaire, Journalist, später Bibliothekar an der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und Autor von Werken über die Hauptstadt, der sich eingehend mit der Geschichte der Straße beschäftigt hat (“A propos de la rue de la Femme-sans-Tête.” La Cité 1911) zeigt, dass der Name mit der Geschichte von Lustucru verbunden ist. Unklar ist lediglich, ob die Taverne zum Gedenken an Lustucru benannt wurde oder ob ihr Ladenschild die Ikonographie der Figur inspirierte.

Ein Bild von Lustucru findet sich in der Histoire de l’imagerie populaire, von Jules Champfleury, Paris 1886. Sie zeigt die Reproduktion eines Holzschnittes aus dem 17.Jahrhundert und war vermutlich für einen Almanach bestimmt.

Maitre Lustucru“ – hier als Schmied dargestellt,  schlägt in Begleitung eines Arbeiters auf den Kopf einer Frau, den er mit einer Zange in seinen Armen auf einem Amboss hält, und ruft aus: Je te rendrai bon (Ich werde es dir gut machen), worauf der Mitarbeiter hinzufügt: Maris, réjouissez-vous (Ehemänner, freut euch). Man beachte, dass ein weiterer Kopf einer üblen Frau auf dem Herd der Schmiede liegt und darauf wartet, dass der Schmied ihn der gleichen Operation unterzieht, um ihn ebenfalls gut zu machen. Oben links sehen wir ein Schild mit einer kopflosen Frau und darunter die Inschrift „A la bonne femme“ (Auf die gute Frau).

Eine frühere Quelle ist Jacques Lagniets Sammlung der berühmtesten Sprichwörter (Recueil des plus illustres proverbes, divisés en trois livres), die zwischen 1657 und 1663 in Paris gedruckt wurde. Sie ist illustriert mit 119 satirischen Drucken , die das Leben, die Sitten und die Sprichwörter des französischen Volkes unter den Regentschaften von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. zum Inhalt haben. Dazu gehören auch Bilder zu dem Motto „femme sens teste tout en est bon) und von Lustucru., erst als Scharfrichter, dann als Schmied und „Kopfchirurg“.

Auch wenn in der besonders drastischen Henkerszene der Scharfrichter nicht als Lustucru gekennzeichnet ist, kann der nachfolgende Stich aus Lignaits Sammlung wegen seines hervorgehobenen Titels femme sans tête tout en est bon (Frau ohne Kopf, alles ist gut) dem Listucru-Zyklus zugeordnet werden.

Anonymous engraving (printed and sold by Jacques Lagniet) [1]

Der Kupferstich zeigt eine enthauptete Frau, aus deren Hals Blut spritzt, die aber noch immer mit gefalteten Händen kniet ; neben ihr der Henker mit dem Schwert in der Hand, ihr Kopf auf dem Boden, umgeben von einer schaulustigen Menge. Dazu sind eine Reihe  „Sprichwörter“ eingraviert:  il n’y a pas à rire (da gibt es nichts zu lachen), il est brave comme un bourreau qui fait ses Pâques (er ist so mutig wie ein Henker, der Ostern feiert), c’est un bon médecin, il guérit de tous maux  (er ist ein guter Arzt, er heilt alle Krankheiten), couper le passage des vivres (schneidet der Nahrung den Durchgang ab), couper net comme navet (sauber geschnitten wie eine Rübe),  grosse tête peu de sens (großer Kopf, wenig Sinn)  neben dem abgetrennten Kopf!),  morte la bête morte le venin, il ne se faut jamais étonner qu’on ne voie sa tête à ses pieds (tot das Biest, tot das Gift, man sollte sich nie wundern, dass man seinen Kopf zu seinen Füßen sieht).

In verschiedenen Medien, mit denen Informationen schnell einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnten, Zeitungen, Kalender, Münzen, wurde im 17. Jahrhundert das Lustucru-Motiv thematisiert. Sein gleichzeitiges Auftauchen zeigt, dass Lustucru weit mehr als nur eine Kuriosität war: Er war ein wahres gesellschaftliches Phänomen.

Lustucru – Jeton” von 1660 [2]

Auf der einen Seite der Münze arbeiten unter dem Slogan „unicus est specie“, er ist der Einzige seiner Art, zwei Schmiede an einem Frauenkopf. Auf der anderen Seite ist ein mit Frauenköpfen beladener Esel abgebildet. Auf der Umschrift steht:  „omne ferens malum“, er trägt alles Böse hinweg, und zeigt an, dass Frauenköpfe in großen Mengen transportiert werden müssen, damit Lustucru sie bearbeiten kann.

Lustucru, der als Schmied brutal den Kopf „verrückter“ und widerspenstiger Frauen bearbeitet, ist auch Thema des ersten einer Reihe von Stichen, die eine wahre Orgie der Gewalt gegen Frauen zeigen. Hier erhält Lustucru seinen Titel als „opérateur céphalique“, als „Kopfchirurg“.[3]

Links im Hintergrund des Stiches ist das Ladenschild des Kopfchirurgen zu sehen: eine kopflose Frau und das Motto „tout en est bon“ (Alles ist in Ordnung), ein Motto, das schon auf dem Bild des Henkers zu lesen ist und die Verbindung von Lustucru und der Rue de le Femme sans Teste deutlich macht.

Dem New Yorker Essayisten Jé Wilson zufolge erscheint Lustucru als Schmied mit seiner „Kopfbearbeitung“ erstmals in einem heute verlorenen Almanach um 1659 und findet sich dann 1663 in Jacques Ligniets Recueil des plus illustres proverbes (Sammlung illustrer Sprichwörter).  Auf dem mit Campion signierten Druck ist Meister Lustucru unter Schmieden zu sehen. Er erhebt seinen Hammer über den abgetrennten Kopf einer Frau, den er wie ein Stück zu schmiedendes Metall mit einer Zange festhält. Überall in seiner Werkstatt hängen die Köpfe anderer Frauen an Haken. Sie warten darauf, an die Reihe zu kommen oder kühlen nach der Bearbeitung ab. Links im Vordergrund schleifen zwei Männer eine noch unberührte Frau zur Schmiede. Neben ihrem Mund stehen die Worte „Ich werde nicht gehen“.

Rechts im Vordergrund ist ein gesattelter Esel zu sehen, der von einem Affen geführt wird und zwei Körbe voller Frauenköpfe trägt. Vor ihm geht mühsam ein gebeugter Mann, der einen ebenfalls mit Köpfen gefüllten Korb trägt.

Um die Botschaft „tout en est bon“ unmissverständlich zu machen, fordern die Textblöcke oben und unten auf dem Druck Männer auf, ihre schwierigen Frauen zu diesem „Chefarzt“ zu bringen, wo ihre Köpfe neu geschmiedet und von allen „Unannehmlichkeiten“ gereinigt werden. So lautet der Text am unteren Rand des Drucks:

Hier hat Meister Lustucru ein bewundernswertes Geheimnis, das er aus Madagaskar mitgebracht hat, um […] (ohne Schaden oder Schmerzen zu verursachen) die Köpfe von streitsüchtigen, […] schrillen, teuflischen, wütenden, launischen, herrlichen, boshaften, unerträglichen, launischen, bösen, lauten, […] listigen, dummen, sturen, eigensinnigen Frauen und jenen, die andere Unannehmlichkeiten haben, neu zu schmieden. Alles zu einem vernünftigen Preis, für die Reichen gegen Geld und für die Armen kostenlos.“

Nicht weniger ironisch ist der Text oben auf dem Druck, der die Worte „Opérateur céphalique“ umrahmt:

„Ihr armen Unglücklichen, die ihr euch immer über die Launenhaftigkeit der Frauen von heute aufregt und die ihr nicht glaubt, dass sie sich jemals ändern werden, bringt sie hierher in unseren Laden. Welche Qualität ihr Kopf auch haben mag, wir werden ihn mit Feile und Hammer so gut bearbeiten, dass Sie, selbst wenn der Mond in ihrem Gehirn voll wäre, ihr Herr sein werdet, wenn Sie unser Haus verlassen. Unser Geschäft arbeitet ohne Unterlass, man sieht Menschen aus allen Nationen, aus den unterschiedlichsten Staaten und Verhältnissen und es ist rund um die Uhr geöffnet. Sie bringen uns auf Schiffen, zu Pferd, in Schubkarren, ohne Unterbrechung müssen wir arbeiten: Wir haben nicht einmal Zeit zum Schlafen, denn je länger wir leben [?], desto schlechter werden ihre Köpfe.

Dieser Stich wurde für andere Almanache variert, so z.B. in Pierre Bourdans Opérateur céphalique. [4]

Der Name Lustucru geht zurück auf „L’eusses-tu-cru?“, eine gängige Phrase der Theaternarren jener Zeit, die so viel bedeutete wie: „Hätten Sie es geglaubt?“ oder in diesem Fall: „Hätten Sie gedacht, dass man den Kopf einer Frau reparieren könnte?“ Laut dem französischen Schriftsteller Gédéon Tallemant des Réaux aus dem 17. Jahrhundert entstand Lustucru aus dem Wunsch eines Mannes nach Rache. In seinen Historiettes, einer Sammlung biografischer Skizzen aus dem Jahr 1659, schreibt er, der im Almanach jenes Jahres erscheinende „médecin céphalique“ sei von einem anonymen „Witzbold“ eigens als Reaktion auf die Langey-Affäre gezeichnet worden, einen Scheidungsfall zwischen zwei Aristokraten, der sich zwei Jahre lang durch die französischen Gerichte gequält hatte. Der Marquis de Langey, zu diesem Zeitpunkt einunddreißig Jahre alt, wurde von seiner zwanzigjährigen Frau (sie war vierzehn gewesen, als er sie geheiratet hatte) der Impotenz beschuldigt: ein Scheidungsgrund. Beide Parteien wurden gezwungen, sich demütigenden körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. Vor einer Jury aus zehn Ärzten und fünf Matronen konnte der Marquis nach stundenlangen Versuchen keine Erektion bekommen. Seiner Frau wurde die Scheidung gewährt.

Der anonyme Künstler des Kupferstichs war entsetzt über die Dreistigkeit dieser jungen, unzufriedenen Ehefrau und stellte sich einen „Gehirnchirurgen“ vor, der die öffentlichen Demütigungen des Marquis de Langey im Namen aller Männer chirurgisch wiedergutmachen könnte. Nach einer Operation würde die Ehefrau wieder in ihren alten Zustand versetzt werden – als gedankenloses, willenloses Wesen, das weder den Willen noch die Frechheit hätte, die Männlichkeit ihres Mannes in Frage zu stellen oder sich ein besseres Leben zu wünschen.

„Die Angst der Männer vor dem wachsenden Einfluss und der Macht der Frauen nahm in Frankreich in den 1650er Jahren allgemein zu. Frauen hatten begonnen, in der Literatur an Ansehen zu gewinnen, und waren so etabliert, dass sie als „les précieuses“ satirisch dargestellt wurden, ein Typ kluger Frauen, die Pariser Salons besuchten, Bücher schrieben und einen elegant-kultivierten (oder, für andere, affektierten und prätentiösen) Sprech- und Schreibstil bevorzugten. 1659 inszenierte Molière in Paris sein Debüt mit Les précieuses ridicules, einem kurzen satirischen Stück, das sich über zwei junge, eingebildete Frauen lustig macht, die sich für zu schlau und kultiviert für ihre Verehrer halten. Sie bekommen ihre gerechte Strafe und werden zum Narren gehalten. Einige der hastig geschriebenen Stücke im Jahr des ersten Erscheinens von Lustucru behandelten sowohl Lustucru als auch die Précieuses und machten sich die Popularität beider Themen zunutze.“ [5]

„Wie die Wissenschaftlerin Joan DeJean in einem Essay über „starke Frauen“ im frühneuzeitlichen Frankreich feststellte, wurde der spekulative Roman Épigone, histoire du siècle futur (Epigone, Geschichte des zukünftigen Jahrhunderts) im selben Jahr, in dem der Almanach erschien, anonym veröffentlicht. Dieser Roman war eine Parodie auf Geschichten über heldenhafte Frauen und imaginierte eine Zukunft, die von einem Geschlecht von Amazonen beherrscht würde – furchteinflößenden Frauen, die „das geistige Leben bevorzugen und dadurch das Leben für alle ‚unglücklich und prüde‘ machen“.  Nach ihrer Niederlage wird die Anführerin der Amazonen zunächst lobotomiert („enthirnt“) und dann enthauptet. Diese futuristischen Amazonen waren eine weitere Satire auf die Précieuses. (…)

Die extreme Gewalt sowohl der Lustucru-Bilder als auch einiger dieser literarischen Satiren drückt eindringlich „die Spannungen aus, die den Debatten des 17. Jahrhunderts über neue Rollen für Frauen zugrunde lagen“, wie es eine andere Wissenschaftlerin dieser Zeit, Katherine Dauge-Roth, formuliert hat. In einem Klima, das bereits von Spott und Feindseligkeit gegenüber gebildeten Frauen geprägt war, wurde die Figur der Lustucru zur perfekten Galionsfigur für diejenigen, die glaubten, dass die Intelligenz von Frauen eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellte.“ [5]

Auch wenn in Stein gemeißelt immer noch Rue de la femme sans teste da steht, offiziell wurde der schreckliche Straßename getilgt.

Die beiden Abschnitte der Nord-Süd-Querstraße, die den Übergang vom Quai de Bourbon zum Quai d’Orléans ermöglicht, wurden 1868 unter ihrem alten Namen Rue Le Regrattier zusammengefasst, ein Name, den ihr südlicher Teil immer schon getragen hatte.  

Der nördliche Abschnitt, der am Quai de Bourbon beginnt und bis zur Rue Saint-Louis-en-l’Île reicht, der nacheinander Rue Angélique und dann Rue de la Femme sans Teste hieß, wurde wieder zur Rue Le Regrattier. 

Île Saint-Louis heute. Der rote Punkt markiert die „geköpfte“ Statue

Schon 1627 hieß diese Nord-Süd-Verbindung Rue le Regrattière, benannt nach François Le Regrattier, einem Unternehmer, der Schatzmeister der Hundertschweizer war und zusammen mit den Parzellierern (Projektentwicklern) Christophe Marie und Lugles Poulletier im 17. Jahrhundert für die Stadtentwicklung der Île-Notre-Dame zuständig war. [6]

Ursprünglich bestand die Île Saint-Louis aus zwei durch die Seine getrennten kleinen Inseln, die man „Île aux Vaches“ und „Île Notre Dame“ nannte. Beide wurden als Viehweiden genutzt und gehörten dem Domkapitel von Notre Dame. Auf alten Paris-Plänen sind die beiden kleinen Seine-Inseln noch zu sehen.

Plan de Vassalieu (1609) : détail montrant l’île Notre-Dame et l’île aux Vaches.

Der Raum auf der Île de la Cité war immer enger geworden. Dicht an dicht standen die Häuser. Enge, verwinkelte Straßen und Gassen bestimmten das Bild der Île de la Cité. Lange widersetzte sich die Kirche der Bebauung der beiden Nachbarinseln.  Zum anderen fehlten für die zunehmende Zahl der Einwohner und des dadurch anwachsenden Verkehrs Brücken zwischen den Seine-Ufern.

Erst unter König Ludwig XIII. wurde 1614 der Bauunternehmer Christophe Marie, zusammen mit François Le Regrattier und Lugles Poulletier, mit der Erschließung der kleinen Inseln beauftragt. Der sie trennende Seine-Arm wurde zugeschüttet, die vereinigten Inseln wurden mit einer Kaimauer umfasst und Brücken zu den Flussufern errichtet. Die Brücke, die die Insel mit dem Marais auf der rechten Seine-Seite verbindet, trägt bis heute den Namen ihres Bauherrn: Pont Marie. Das neu gewonnene Stadtgebiet auf der Île Saint-Louis wurde ab etwa 1618 zunächst mit Häusern für Handwerker und Kaufleute bebaut.

Die Île Saint-Louis und (rechts im Bild) die frühere Île Louviers (die später in das rechte Seine-Ufer einbezogen wurde)

Erst ab 1638, als sich ein Ende des Rechtsstreits mit dem Klerus abzeichnete, begannen auch die Adligen, luxuriöse Stadtpaläste errichten zu lassen. Die Bebauung erfolgte nach einem festen Grundplan mit geraden Straßen, der noch heute erkennbar ist. Die Erschließung der Île Saint-Louis war eine der erfolgreichsten, aber auch finanziell interessantesten städtebaulichen Maßnahmen im Paris dieser Zeit.

Île Saint-Louis und Île Louviers  – Auschnitt aus dem Turgot-Plan 1739  mit dem Pont Marie (links) und dem Pont de la Tournelle (rechts)

Ein passender Nachtrag zur Rue de la Femme-sans-Teste: Baudelaire et Jeanne Duval

In der Rue de la Femme-sans-Teste wohnte nicht nur der berüchtigte Coffinhal, sondern ein halbes Jahrhundert später auch Jeanne Duval,  Baudelaires Geliebte, die er Vénus Noire nannte. Baudelaire lernte die Schauspielerin und Tänzerin Jeanne 1842 kennen. Sie hatte von 1838 bis 1839 kleine Rollen am Théâtre de la Porte‐Saint‐Antoine und schlug sich als eine Art Escortdame der dekadent-selbstverliebten Pariser Dichterszene durch. Sie wird im Laufe zahlreicher Wohngemeinschaften, die von Brüchen und Versöhnungen unterbrochen werden, Baudelaires Muse sein. Eine Anzahl von Gedichten wurden durch sie inspiriert und sind Teil der 1857 erschienenen Veröffentlichung Les Fleurs du mal.

„Jeanne, die Haitianerin, von Baudelaire geliebt und verflucht, gehört zu den vergessenen und ausgebeuteten Frauen des 19. Jahrhunderts. Weil in der Gesellschaft arrivierte dunkelhäutige Frauen zur Zeit Baudelaires nicht existierten, konnte auch Jeanne nicht existieren, höchstens als Prostituierte. «Hottentottenfrau» wurde sie auch genannt und spürte den Schmerz, ein Leben zu leben, das geprägt war von den Erniedrigungen und Benachteiligungen einer rassistischen, frauenfeindlichen Zeit.“ (Sarah Pines, s.u.)

Wir kennen nicht einmal ihren richtigen Familiennamen – infrage kommen Lemaire, Lemer, Duval und Prosper – und auch nicht ihr Sterbedatum (wahrscheinlich in den späten 1860er Jahren). Bekannt ist nur, dass sie 1820 in Haiti geboren wurde, dass Baudelaire sie mit Syphilis ansteckte, an der sie starb, wahrscheinlich ein paar Jahre nach dem Dichter.

 Jeanne Duval: Zeichung von Charles Baudelaire

Kein von ihr unterzeichneter Brief ist uns überliefert. Was bleibt, sind einige Zeugnisse, von Baudelaire selbst gezeichnete Porträts, ein Foto von Nadar (nicht gesichert), Baudelaires Gedichte, die sie inspiriert hat, und ein herrliche Gemälde «La Maîtresse de Baudelaire», das Édouard Manet von Jeanne Duval malte.

Édouard Manet, «La Maîtresse de Baudelaire», 1862. Musée des Beaux-Arts, Budapest.

 „Obwohl Baudelaire nichts ferner lag als Natur und Natürlichkeit, liebte er das «Tierische» an Jeanne. Kamen Freunde auf Besuch, saß sie am Rand, wie eine Zofe. Nahm er sie mit ins Restaurant, bediente man sie schnöde. Für Baudelaire spielte sie die Rolle der tanzenden Kreolin. Weil er es so wollte. Weil sie ihn brauchte und er sie. Jeanne las ihm seine angefangenen Gedichte vor, er schrieb sie, inspiriert von ihrer Stimme, zu Ende. ….Nachdem er Jeanne mit Syphilis angesteckt hatte, ließ er sie fallen, für eine andere Prostituierte, Madame Sabatier. …

Bis heute erinnert in der Rue de la Femme-sans-Teste  nichts daran, dass hier eine große Muse lebte. Keine Tafel, kein Hinweisschild. Jeanne ist die Unsichtbare einer Epoche. Gegen Ende ihres Lebens konnte sie kaum mehr gehen. Die Zähne waren ihr ausgefallen. Zu Baudelaires Beerdigung wurde sie nicht eingeladen.“ [7]

Da war der Name der Straße Femme-sans-Teste – im Sinne des herrschen Frauenbilds -dann doch wieder passend.

Anmerkungen:

 [1] Il est brave comme un boureaux qui faict ses pasques (1660?). Photo: Bibliothèque Nationale de France. Dok. 27, II, 3

[2] Bildquelle: https://www.suffren-numismatique.com/fr/jetons/5324-auvergne-saint-flour-heros-populaire-lustucru-jeton-1660-r1.html

 [3] “Operateur Cephalique” — undated engraving by Images by François Campion, approximately 1615-1681 Photo: Bibliothèque Nationale de France. in: Recueil des plus illustres proverbes de Jacques Lagniet, Paris,[s.n.], 1663, t. II, p. 68.

 [4] Pierre Boudan, Opérateur céphalique, in Almanach de Pierre Janvier, fin 1659, gravure au burin, Paris, Bibliothèque nationale de France, département des Estampes et de la photographie.

[5] Jé Wilson: Lustucru From Severed Heads to Ready-Made Meals. Published June 13, 2019 https://publicdomainreview.org/essay/lustucru-from-severed-heads-to-ready-made-meals/

[6] Die Hundertschweizer (französisch Cent-suisses) war eine aus Schweizer Söldnern gebildete Einheit, die von 1497 bis 1792 bestand und zur Garde (Maison militaire du roi) des Königs von Frankreich gehörte.

[7] (Sarah Pines: Die Muse des verruchten Dichters: Eine Fotografie, ein paar Gedichte, das ist alles, was an Jeanne Duval erinnert, Charles Baudelaires «schwarze Venus», NZZ, 29.10.2021)

Literatur

Orna Lieberman:  The Headless Woman – The Story of French Misogyny (Die kopflose Frau – Die Geschichte der französischen Misogynie) https://www.francophilesanonymes.com/en/femme-sans-teste/

Légende du « véritable » Lustucru raccommodant au XVIIe siècle les têtes des mauvaises femmes(D’après « Revue de folklore français », paru en 1940 et « Histoire de l’imagerie populaire », paru en 1869). Publié / Mis à jour le dimanche 30 mai 2021 https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article13623

L’imagerie populaire : Lustucru. Le Bibliomane Moderne : Bibliophilie et autres Bibliomanies … par Bertrand Hugonnard-Roche https://le-bibliomane.blogspot.com/2009/05/limagerie-populaire-lustucru.html

Auréline Cardoso et Charlotte Thevenet, « Rhétoriques antiféministes : entre recherche et pratiques », GLAD! [En ligne], 04 | 2018, mis en ligne le 30 juin 2018, consulté le 17 août 2025. URL : http://journals.openedition.org/glad/995 ; DOI : https://doi.org/10.4000/glad.995

Jé Wilson Lustucru:  From Severed Heads to Ready-Made Meals. Published June 13, 2019https://publicdomainreview.org/essay/lustucru-from-severed-heads-to-ready-made-meals/

Claire Carlin:Wrong-Headed Spouses in Early Modern France https://mariage.uvic.ca/wrong_headed_spouses.html Die Hochzeit unter dem alten Regime.Falsche Ehepartner im frühneuzeitlichen Frankreich

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La carte de Tendre ou le manifeste de la Préciosité (Die Karte der Zärtlichkeit oder das Manifest der Préciosité)

Die „Carte de Tendre“ als Medium eines neuen Liebesideals Christina VOGEL (Romanisches Seminar, Universität Zürich) http://www.symbolforschung.ch/files/pdf/Carte_de_Tendre.pdf

Antje Eske: Madeleine de Scudéry und die Carte de Tendre. [2010] http://konversationskunst.org/index.php/presse Konversationskunst – Kurd Alsleben, Antje Eske  und Freunde. 16. Oktober 2010 – 9. Januar 2011 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe| Medienmuseum